Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Ein Volk feiger Knechte
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 223 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Maxim Anin, Ein Volk feiger Knechte. Feigheit Schmeichelnde Eleganz — die Außenseite schlauer Hinterlist. Religiöses Gezeter — die Hülle bodenloser Heuchelei. Weiche Manieren — die Oberfläche geistiger Roheit Glatte Zungen — das Symbol einer Schlangenseele .... Den Mächtigeren — etwa Rußland gegenüber — spielen sie die treu-untertänigen Knechte, die sich mit den Brocken vom Herrschertisch zufrieden geben, und die Hand, die sie peitscht, küssen. Den Juden gegenüber — roheste, kleinliche, rücksichtslose Bedrücker. Gibt es einen widrigeren Anblick als den des niedriggesonnenen, geknebelten Heloten, der sich als edlen Herrn aufspielt?! Wir Juden wissen, was wir von unseren Feinden zu erwarten haben. Jedoch was das edelmütige Schlachzizenvolk uns noch bereiten kann, wer könnte es prophezeien? Wir haben so manche Torturen, Pogrome, Frauenschändungen und Kindermorde erlitten. Doch kein Volk hat bisher seine eigenen Kinder ins Verderben getrieben und sich feig hinter ihrem Rücken versteckt Das konnte eben nur das „Rittervolk" mit dem Hasenmut vollbringen, das Volk des „stillen" — meuchelmörderischen Pogroms, das Volk mit der verbissenen kleinen Krämerseele, das Volk aufgebauschter Mittelmäßigkeiten und protzender Ohnmacht. Hat ja schon Heine ihr innerstes Wesen durchschaut, als er sie nannte „die Leichen des Mittelalters mit modernen Phrasen im Munde, die sie nicht verstehen." O, sie haben Verdienste* Sie haben die mittelalterlichen Scheiterhaufen in einer unerhörten Grausamkeit wieder aufleben lassen. Vor wenigen Wochen setzten sie in Pontnew ein jüdisches Haus von allen Seiten in Brand und schauten frohen Sinnes zu, wie eine ganze Familie im Feuer umkam. Einige Juden haben sie verbrannt und — das ganze polnische Volk gebrandmarkt. Noch ein Dorn im jüdischen Märtyrerkranz — noch einige Blutstropfen auf der Mörderhand! Wir wollten sie ihre Feinde lieben lehren, sie, die am liebsten auch ihre Freunde morden möchten. Nun werden sie einst unseren Haß kennen lernen, den Haß, der weder mit Waffen noch mit Feuer droht, weder mit Mord noch mit Raub, den Haß des jüngsten Weltgerichts, die Verachtung des ewigen Volkes, der kommenden edleren Menschheit. Schon vor dem heutigen Europa aber muß die Maske gerissen werden von den edlen Freiheitskämpfern hinter dem Rücken aufgehetzter Buben, Freiheitskämpfern, die gegen uns die russische Faust richten, dieselbe Faust, die heute das Cholmgebiet von Polen losreißt, und morgen mit den Resten ihrer