Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Die wirtschaftlichen Probleme der osteuropäischen Judenheit
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 220 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Benzion Rubstein, Die wirtschaftlichen Probleme, 219 und Polen gemischt ist. Aber die Zahl derartiger Dörfer unter den angeführten 150 ist nicht groß. In allen übrigen ist der Kampf der jüdischen Minderheiten um ihre nationalen Rechte hoffnungslos: Ihre nationale Schule und die amtliche Gleichberechtigung ihrer Sprache werden sie nie erkämpfen. Welcher Meinung man auch über die Bedeutung der Sprache als nationalen Faktors sei, eines wird niemand leugnen: Die Generation, die in einer fremden Sprache erzogen ist, ist dadurch allein schon bis zu einem gewissen Grade vom jüdischen Volke, seinen nationalen Idealen und Bestrebungen, abgetrennt Wie gesagt, eine solche Kolonisationsart kann große ökonomische Wichtigkeit für einzelne jüdische Familien haben, doch für die nationale Gesamtheit ist sie vollständig wertlos und vielleicht noch von Schaden, Ganz andere Bedeutung aber für die jüdische nationalkulturelle Renaissance hätte der Uebergang der Juden zu den landwirtschaftlichen Nebenzweigen, Vor allem erhält das Land durch die Intensivität dieser Wirtschaft größere Aufnahmefähigkeit. Dasselbe Stückchen Erde, das bei eigentlicher Landwirtschaft nur 10 Familien ernähren kann, kann bei intensiver Landwirtschaft ein paar Mal so viele ernähren. Die jüdische Kolonisation wird daher einen konzentrierteren Charakter tragen, und die jüdischen Landwirte werden imstande sein, an den Orten ihrer Ansiedlung ein mehr oder minder nationales Milieu zu schaffen. Außerdem wird sich eine derartige Kolonisation, die ausschließlich mit dem städtischen Konsumenten rechnet, hauptsächlich um die großen Städte konzentrieren müssen. Das wieder begrenzt das Kolonisationsgebiet und läßt die jüdischen Farmer sich nicht einzeln über das Land zerstreuen. In allen großen galizischen Zentren befinden sich bedeutende jüdische Gemeinden, und die jüdischen Landwirte, die sich um die galizischen städtischen Zentren konzentrieren werden, werden sich so nicht vom Hauptquell des jüdischen Schaffens lostrennen und sich fortwährend unter dem kulturellen Einfluß der nahen jüdischen Gemeinde befinden. Aber wichtiger als alles ist der Umstand, daß die jüdische Gesellschaft eine sehr bedeutende Rolle im ökonomischen Leben der entstehenden jüdischen Farmerklasse in Galizien spielen wird. Zweifelsohne wird die Geißel der Antisemiten, die Losung „Kauft nicht bei Juden!" auch den jüdischen Farmer nicht schonen und ihn vielleicht mit noch größerer Wut und Verbissenheit verfolgen als den jüdischen Händler und Handwerker. Daher wird die jüdische Farmerklasse vom ersten Momente ihrer Entstehung an auf die jüdische Kundschaft angewiesen sein. Diese ist in Galizien bereits vorhanden und wird sich in der Zukunft