Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Die wirtschaftlichen Probleme der osteuropäischen Judenheit
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 219 (sequence 6)
- Language
- German
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218 Benzion Rubstein, Die wirtschaftlichen Probleme. erwerben, aber von so großen Gebieten, auf denen man neue, selbständige jüdische Kolonien gründen könnte (abgesehen davon, daß es die polnische Macht in Galizien nicht zugeben würde), kann selbstverständlich keine Rede sein. Und wenn es uns sogar gelänge (obwohl das eine sehr schwere Sache ist), die großen jüdischen Latifundien für eine solche großzügige jüdische landwirtschaftliche Kolonisation zu gewinnen, waren die jüdischen Kolonien über ganz Galizien in weiten Abständen verstreut, sie wären kleine und seltene Oasen im großen Meer der nichtjüdischen Dörfer und könnten kein nationales Milieu bilden. Verstreut und abgesprengt vom Hauptquefll des jüdischen nationalkulturellen Schaffens — von den jüdischen Massen der Städte —, könnten diese vereinzelten jüdischen Dörfer ihre nationalkulturella Entwicklung nicht fortsetzen und müßten sich schließlich dem sprachlichen und kulturellen Einfluß der umgebenden Bevölkerung unterwerfen — sich vollständig assimilieren. Vom nationalen Standpunkte hat eine solche Kolonisation nicht den geringsten Wert, sie ist sogar schädlich. Noch ein Kolonisationssystem ist möglich: Der jüdischen Bevölkerung den Uebergang zur Landwirtschaft dort, wo sie lebt, zu erleichtern. Das ist sicher möglich, und das geschieht eigentlich jetzt im galizischen Dorf. Viele jüdische Familien von „Luftexistenzen" erlangten dadurch im Laufe der letzten Jahrzehnte eine gesunde ökonomische Grundlage. Aber vom nationalen Standpunkt aus kann auch diese Kolonisationsart wenig Nutzen bringen. Das galizische Dorf ist klein, und wenn man sich sogar vorstellt, daß es infolge unserer Kolonisationstätigkeit gelänge, die ganze jüdische Bevölkerung, die jetzt in den galizischen Dörfern lebt und von dort durch die kooperative Bewegung und durch das erfolgreiche Eindringen der nichtjüdischen Bevölkerung in den Kleinhandel vertrieben wird, festzuhalten, so wäre doch die Zahl der jüdischen Bauern in jedem Dorfe absolut unbedeutend, und sie wären durchaus nicht imstande, im nichtjüdischen Dorf ein besonderes, jüdisches Milieu zu schaffen. Bloß ungefähr 150 galizische Dorfgemeinden haben eine jüdische Bevölkerung von mehr als 100 Seelen. In allen anderen sind es nur Dutzende und nicht selten nur einzelne. Selbst bei der idealsten Staatsdemokratisierung, von der Galizien einstweilen noch so fern ist wie Ost von West, wäre die Bewahrung der Rechte solch unbedeutender Minderheiten auf nationale Schule und Gleichberechtigung der Sprache unmöglich. Der Kampf um die nationale Existenz wird den jüdischen Minderheiten möglich — selbstverständlich in den Dörfern, wo das jüdische Element halbwegs bedeutend ist (über 100 Seelen) — nur dort, wo die andere Bevölkerung aus Ruthenen