Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Die wirtschaftlichen Probleme der osteuropäischen Judenheit
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 221 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Benzion Rubstein, Die wirtschaftlichen Probleme. sehr vergrößern. Schon jetzt ist die Zahl der jüdischen Konsumenten für die Produkte der intensiven Landwirtschaft (Milch, Obst, Gartenprodukte) sehr bedeutend. Die neun großen Zentren Galiziens allein (Lemberg, Krakau, Tarnou, Przemysl, Drohobycz, Stryj, Stanislau, Kolomea und Tarnopol) zählen eine Bevölkerung von 200000 Seelen, und diese große Konsumentenschar ist dem jüdischen Farmer gesichert. Bedeutend ist ferner die Zahl der jüdischen Konsumenten, die er in den kleineren Städten finden wird. In der ersten Zeit wird er also ökonomisch vollständig von der jüdischen Gesellschaft abhängig sein. Gewiß, falls sich das jüdische Farmerwesen nur entwickelt, wird sich der jüdische Farmer nicht bloß mit dem jüdischen Konsumenten begnügen können. Aber bei dem verbissenen nationalen Kampf in Galizien, der jetzt herrscht und noch lange existieren wird, kann er nicht hoffen, den polnischen oder ruthenischen Konsumenten zu gewinnen und wird sich wie sein Suwalker Bruder an den ausländischen Markt wenden müssen, vor allem an das benachbarte Deutschland, das sehr großen Bedarf an den Produkten intensiver Landwirtschaft hat (auf Milchprodukte allein gibt es mehr als 30 Millionen Mark aus). Am Orte wird wie früher der einzige Kunde für die Produkte des jüdischen Farmers die jüdische Gesellschaft bleiben. Die jüdische Fannerklasse wird also immer ökonomisch mehr oder minder von der jüdischen Gemeinschaft abhängig bleiben. Diese ist ihr einziger sicherer Konsument am Orte, und infolgedessen wird sie mit Leib und Leben — im einfachen Sinne dieser Worte — am ferneren Bestände des jüdischen Volkes interessiert und daher die ergebenste Trägerin der jüdisch-nationalen Ideale und Bestrebungen sein, eine mutige Kämpferin für die jüdische nationalökonomische und kulturelle Renaissance werden. Zum Schluß lohnt es sich zu bemerken, daß die jüdischen arbeitsuchenden Massen mit ihrem gesunden Gefühl schon die neue Erwerbsquelle gewittert und ohne jeden fremden Rat begonnen haben, zu den landwirtschaftlichen Nebenzweigen (vorläufig nur zur Milchwirtschaft) überzugehen. Diese verhältnismäßig junge Bewegung kann sich sogar schon einiger Erfolge rühmen* Die jüdischen Institutionen, deren Aufgabe die Ueberführung der jüdischen Massen zur Landwirtschaft ist, haben es nicht nötig, „neue Amerikas" zu suchen und brauchen bloß dre Entwicklung des Prozesses zu fördern, der schon von selbst anfing, und möglichst günstige Bedingungen für seine Weiterentwicklung zu schaffen, (Aus dem jiddischen Manuskript übersetzt.)