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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 213

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Alljüdische Kritik
Date
1913-07-15
Page
Seite 213 (sequence 12)
Language
German
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212 F. M. Kaufmann, Alljüdische Kritik IL gewiß schweren Bedingungen des Golus sich lebensunfähig erwies, den „unerhört schwierigen" Bau einer palästinensischen Massensiedlung auszuführen vermag, um unter Lebensbedingungen, deren Schwere und Ungünstigkeit man heute nicht einmal ahnen kann, all die großen Taten zu tun, deren sie im Oolus unfähig war. Plötzlich, wenn der Blick sich vom zerfallenden Golus dem Lande Palästina zuwendet, ist der Leichnam auf die Beine gestellt und beschämt in seinem Schaffen alle sieben Werke des Herkules. Plötzlich findet sich auf jener Seite der Ruppinschen Berechnung, die ein auffallendes Fehlen der Passiva aufweist, beim Konto Palästina jener früher eliminierte Aktivposten wieder, auf den auch unserer Ueberzeugung nach alles ankommt. Hat aber Ruppin wenigstens jenen groben Analogieschluß vermieden, der für das Denken des Westlers typisch ist? Hat er jene grundlegende Verschiedenheit beachtet, die aus der dünnen Schicht der Westjuden und dem Volk der Ostjuden zwei soziologisch heterogene Gebilde macht? Ruppin hat innerhalb der Westjudenheit Tendenzen zur Assimilation wahrgenommen. Diese Tendenzen (wirtschaftlicher Aufstieg, Aneignung der Landessprache, verminderte Bedeutung der Religion, Mischehe, Taufe usw.) sind ihm eine unabänderliche, wachsende Größe; sie determinieren die weitere Entwicklung (lies: Zerfall) der Westjudenheit Schon diese Prognose ist in der Ausschließlichkeit, mit der sie nur die progressiven Tendenzen der Assimilation gelten laßt, und Gegen tendenzen gar nicht in Erwägung zieht, höchst anfechtbar. Nun aber überträgt Ruppin diesen pathologischen Befund unmittelbar auf die zentralen Jtidenheiten. Er trägt dem nicht Rechnung, daß die gleichen Faktoren der Assimilation auf eine schüttere Judenschicht viel verhängnisvollere Wirkung ausüben, als auf ein lebendiges Volk, wie es die Ostjuden repräsentieren. Er bedenkt nicht, daß dieses ostjüdische Golus nicht nur keine schrumpfende, sondern eine wachsende Große ist, und daß hier die Faktoren der Assimilation nur eine nebensächliche Bedeutung haben gegenüber den Faktoren der Korroboration und der Expansion. Daß also ein Schluß, gewonnen an der Pathologie der Westjuden, nie und nimmer auf die Ostjuden verallgemeinert werden kann. Ruppin bedenkt dies nicht, weil aus dem Bild, das er vom jüdischen Volke zeichnet, diese aufbauenden Faktoren gestrichen sind. Und er erwägt nicht, daß — stufengeschichtlich — die Ostjudenheiten den Faktoren der Assimilation unter ganz neuen, wesentlich günstigeren Bedingungen begegnen, als die Westjuden, die vor 150 Jahren von ihnen überrascht wurden.

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