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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 212

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Alljüdische Kritik
Date
1913-07-15
Page
Seite 212 (sequence 11)
Language
German
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F. M. Kaufmann, Alljüdische Kritik II 211 Dann aber kann selbst im günstigsten Falle der Beschauer Tieute nur die kinetischen Energien dieses „Golus" wahrnehmen; und selbst die Dynamik dieser Energien wird sich erst in einigen Jahrzehnten erkennen lassen. Denn noch ist jener die Grundlagen des „Golus" erschütternde und neugestaltende Prozeß der Umschichtung jüdischer Händlermassen zu einem organisierten Proletariat, der vor 50 Jahren langsam einsetzte, auch nicht annähernd zur Entfaltung oder gar zum Abschluß gekommen. Der Gedanke eines modernen jüdischen Proletariats muß aber vom Soziologen zu Ende gedacht werden in einer Zeit, die die großen Massen immer stärker in den tätigen Kulturprozeß eintreten sieht. Ferner ist zu bedenken, daß in den letzten 50 Jahren fast alles, was im ostjüdischen Leben vor sich ging, durch den unbewußten Lebensdrang der Massen geschaffen wurde. Hier war keine Intelligenz, die alles „schuf" und organisierte (wie in Palästina z. B.); nichts von den reichen Keimen, die sich dem Schöße des ostjüdischen Volkstums entbanden, ist bisher Hebevoll gepflegt, organisiert, energetisch ausgenutzt worden. Die Breite der ostiüdischen Kulturbewegung wird erst dann zu überblicken sein, wenn das zionistische Phantom der Golusverelendung überwunden, und die Intellektuellen einigermaßen von ihrer Zerrissenheit genesen sind. In unseren Tagen erst zeigen sich die Anfänge einer volksnahen, im Volke wurzelnden Intelligenz. Wenn diese nicht mehr nationalistische, aber jüdische Intelligenz einige Jahrzehnte treu und unermüdlich an der Arbeit war, — nicht eher — läßt sich die Dynamik der heute erst in ihrer ersten scheuen Regung verspürbaren Volkskräfte des Golus einigermaßen feststellen. Hat Ruppin diesen Besonderheiten des Objektes Rechnung getragen? Hat er den Aktivposten „Jüdisches Volk" in der Größe verwendet, die der Soziologe ihm zuerkennen muß? Hat er den Komplex der zentralen Judenheiten von dem heterogenen der peripheren Schichten unterschieden? Für Ruppin existiert der Aktivposten „Jude" überall dort nicht, wo vom Golus die Rede ist. In diese Seite der Rechnung, wo er alle Passiva mit einer peinlichen und oft unsagbar übertreibenden Akribie eintrug, hat er dieses gewaltigste, alles Andere bestimmende Aktivum niemals eingezeichnet. Es genügt hier, auf die bereits zitierten Stellen zu verweisen, in denen Ruppin die Judensiedlungen in Osteuropa und Amerika bespricht. Hier überall ist ihm die Golusjudenheit eine starre, träge, lebensunfähige Masse. So will es seine fatalistische Methodik. Er scheint nicht den schneidenden Widerspruch bemerkt zu haben, der darin liegt, daß diese gleiche passive Masse, die für die

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