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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 211

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Alljüdische Kritik
Date
1913-07-15
Page
Seite 211 (sequence 10)
Language
German
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210 F. M. Kaufmann, Alljüdische Kritik II Architektonik sind der plastische Ausdruck des Zwiespalts in der Methodik. Ruppin mißt die Dinge mit heterogenen Maßen: Das eine Mal, wenn er die Dinge der Golusgegenwart untersucht, (und nicht alle, nicht die ausschlaggebendsten wägt er) wirft er in die Schale die schweren, niederdrückenden Gewichte: Skepsis, Fatalismus, Pessimismus. Sind aber die Möglichkeiten des Zionismus und Palästinas zu zeigen, (und es gibt keine, die Ruppin nicht hervorholt) so nutzt er ein anderes, ein leichtes Maß, mißt mit Glaube, Hoffnung und Optimismus. Das Gesetz seines Messens ist nicht den Dingen entnommen; der Westler in Ruppin ist es, der dies Gesetz gab.*) Wenn aber im allgemeinen dies die wissenschaftliche Untersuchung von der Parteischrift unterscheidet, daß ihre Methode eine einheitliche ist, so kommt es mehr als überall dort, wo Wissenschaft aus den Dingen der Zeit voraussagen will, bei solch delikaten prognostischen Aufgaben, wie sie der Deuter des jüdischen Lebens auf sich nimmt, darauf an, daß die unbiegsame, konsequente Einheitlichkeit der Methodik jene vielen Fehlerquellen ausgleicht, die fortwährend als Vorurteile des Mileus, dem der Untersucher entstammt, das Bild der Dinge zu entstellen drohen. Die Tatsache nun, daß Ruppins Methode durchaus zwiespältig und widerspruchsvoll, daß das Gesetz der Anwendung ihrer heterogenen Elemente nicht in den zu untersuchenden Dingen, sondern in der Subjektivität des Autors verankert ist, genügt schon, um den tneisten Deutungen und Schlußfolgerungen des Buches wissenschaftlichen Wert abzusprechen und das ganze Werk als Parteischrift zu kennzeichnen. Trägt diese zwiespältige Methodik wenigstens den Besonderheiten des Objektes Rechnung1? — Das Objekt der Untersuchung ist die gegenwärtige Judenheit. Ihre wesentliche Besonderheit ist einmal, daß sie trotz aller historisch-ethnischen Einheit soziologisch ein absolut uneinheitliches Ganzes ist. Im Gegensatz zu der schütteren Schichte der in das Kulturgetriebe der Wirtsvölker verschlungenen Westjuden, stellen die zentralen Massen der Ostjuden in ihrer Dichte, in ihrer sozialen und wirtschaftlichen Gliederung einen selbständigen Kulturkreis, einen eigenartigen Volksorganismus dar. *) Ueber diesen Westler schrieb ein Parteifreund beim Erscheinen der ersten Auflage: »Man merkt deutlich, wie Ruppin unter dem Einfluß der zionistischen Bewegung allmählich wieder jüdische Sympathien empfindet, nachdem christliche Einflüsse ihn in eine gegensätzliche Stellung zum Judentum gebracht hatten. Nicht nur, daß er Harnacks Auffassung des Judentums acceptiert, selbst Chamberlain dient ihm gelegentlich als Quelle." Jüdische Rundschau 1904. S. 454/6.

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