Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Alljüdische Kritik
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 210 (sequence 9)
- Language
- German
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F, JVL Kaufmann, Alljüdische Kritik II 209 Palästina gehört zur Türkei, die ein typischer Nationalitätenstaat und zugleich der einzige Staat ist, in dem die Juden bisher bereits neben den anderen Staaten als gleichberechtigte Nation behandelt wurden. Palästina ist ein agrikoles Land und wird es auf Jahrzehnte hinaus noch bleiben. Es besteht also nicht die fortgesetzte nahe Verlockung für die landwirtschaftlichen Ansiedler, von der Landwirtschaft abzufallen und sich gewerblichen Berufen zuzuwenden. In Palästina gibt es schon heute fast 100000 Juden und eine dreißigjährige kolonisatorische Arbeit und Erfahrung, ein Umstand, dessen Wert gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Und für Palästina, das alte Judenland, als neue Heimat sprechen mehr wie für jedes andere Land die Gefühle und Empfindungen der jüdischen Masse/4 Der Rahmen dieser Untersuchung gestattet es leider nicht, die jeweils in diesen Zitateft von Ruppin verwendeten Argumente der Einzelanalyse zu unterwerfen, und an dieser entscheidenden Stelle Ruppins zwiespältige Methode im einzelnen darzutun. Das bleibt einer späteren Untersuchung „Ueber den Palästinaismus" vorbehalten. Hier genügt es uns, den Qrundton der Argumentation in den beiden Zitaten zu vergleichen. Man muß diese Stelle und ihre Weiterführung1) im Original nachlesen, um zu zu verspüren, daß wir es hier plötzlich, unvermittelt mit einer von der bisherigen pessimistischen grundverschiedenen Art der Methodik zu tun haben. Es scheint fast, als wäre im Autor eine Ermüdung im Blick für das Grausige, Zerfallende, Unabwendbare eingetreten; als hätte sich seine kritische Skepsis bei der Behandlung des Qolus völlig verausgabt. Der Pessimismus ist in sein Gegenteil umgeschlagen. Die Methode ist optimistisch geworden, mit einem starken Einschlag ins Apologetische. Wie günstig deutet Ruppin die politische, die wirtschaftliche und die kulturelle (Assimilation!!) Arabergefahr!2) Wie konziliant ist er gegenüber den Schwierigkeiten, die von der türkischen Politik drohen3), (von weltpolitischen Gefährnissen gar nicht zu reden.) Der Absatz „Wirtschaftliche Möglichkeiten für jüdische Einwanderer in Palästina"4) endlich hat überhaupt nicht mehr untersuchenden Charakter, die früher kritische, pessimistische Methode ist zur reinen Apologie geworden. 5) Wir wundern uns jetzt nicht mehr, daß der Aufbau so viele Lücken und falsche Größenverhältnisse aufwies. Die Mängel der *) Ruppin S. 273. >) Ruppin S. 290—93, 300. *) Ruppin S. 285^90. *) Ruppin S 293-301. 5) Ein Kabinettstück dieser doppelten Methodeführung findet man auch S. 261/62 in der Antithese „Jüdisch und Hebräisch."