Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Alljüdische Kritik
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 209 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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208 F. M. Kaufmann, Alljüdische Kritik II europa den palästinensischen gegenüberstellt. Dort, wo von Osteuropa die Rede ist*), heißt es: „Die Rückkehr zur Landwirtschaft wird in Osteuropa nicht gelingen, und die Ausbildung einer neuen jüdischen Kultur wird großen Störungen ausgesetzt sein, Osteuropa ist auf dem Wege zur Industrialisierung; für die Juden eröffnen sich damit neue, lohnende Erwerbsquellen, und selbst wenn es gelänge, sie der Landwirtschaft zuzuführen, besteht bei dem geringsten Mißerfolg die Gefahr, daß die Juden die ihnen unbekannte Tätigkeit wieder verlassen und zu Handel und Industrie zurückkehren. Man kann nicht zwei Jahrtausende der Landwirtschaft fern bleiben und sich dann sofort wieder in ihr heimisch fühlen* Aehnlich verhält es sich mit der Ausbildung einer neuen jüdischen Kultur, Osteuropa liegt den großen europäischen Kulturen zu nahe. Die Juden brauchen, um eine neue jüdische Kultur hervorzubringen, für einige Zeit eine ruhige Entwicklung, abseits von den großen Kulturen. In dem Strom der Assimilation, der sie in Europa umflutet und aus der jetzigen Ueberlegenheit der anderen Kulturen über die jüdische Kultur andauernd neue Nahrung erhält, können sie ihre eigene Nationalität und Kultur nicht ungestört ausbilden, Sie wären fortgesetzt in Versuchung, das, was sie neben sich oder unter sich sehen, einfach nachzuahmen und so nicht eine jüdische Kultur, sondern einen schlechten Ableger der polnischen, deutschen oder russischen Kultur zu ^bilden." Wir betonen: es handelt sich hier nicht darum, die Ruppinsche Darstellung in ihren Einzelheiten zu kritisieren, sondern der Charakter ihrer Methodik soll festgestellt werden. Zu diesem Zweck folgt hier im Buche das Zitat, das dem letztgenannten gegenübergestellt ist, und das von den „Aussichten der Konzentration in Palästina" handelt**): „Ist der Zionismus/* fragt dort Ruppin, „mehr als eine solche abenteuerliche Rettungsidee? Ist in Palästina das möglich, was in Osteuropa und in den Kolonialländern undurchführbar erscheint? Die Frage läßt sich gewiß nicht ohne weiteres mit einem Ja beantworten. Aber soviel läßt sich doch sagen, daß viele Schwierigkeiten, denen wir vorhin begegneten, wegfallen oder geringer werden, sobald Palästina zum Konzentrations-Lande erkoren wird. Palästina ist gesund, und sein Klima laßt die Ansiedlung europäischer Juden zu. Es ist zivilisiert genug und dem modernen Verkehr genügend erschlossen, um der Kolonisation nicht die Schwierigkeiten eines neuen Koloniallandes zu bieten, und auf der anderen Seite nicht so zivilisiert, daß eine Assimilation der Juden an die nichtjüdische Bevölkerung zu befürchten wäre. — *) Ruppin S. 269, **) Ruppin S. 272/73.