Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Alljüdische Kritik
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 208 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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F. M. Kaufmann, AHjüdische Kritik II. 207 um diesen Prozeß zu begünstigen." Der letzte Satz kennzeichnet ausgezeichnet Ruppins Methode, solange sie es mit den gegenwärtigen jüdischen Positionen zu tun hat. Daß „viele Momente zusammenwirken", um diesen Prozeß aufzuhalten; daß in den Ostjudenheiten andere Prozesse, die der Korroboration und der Expansion bedeutend fühlbarer sind, dem trägt Ruppins Methode nirgendwo Rechnung. Aehnlich heißt es an einer anderen Stelle*): „Es handelt sich nur (!) darum, ob die Ursachen, welche die Juden der Diaspora bisher als Sondergemeinschaft erhielten, auch in Zukunft in gleicher Richtung wirken und sie vor der Assimilation schützen werden." Ob und welche neuen Ursachen die alten ersetzt haben, dieser Frage ist von Ruppin an keiner Stelle des Buches nachgespürt worden. Ihre Erörterung würde dem grundpessimistischen Charakter der Methode zu sehr widersprechen. Charakteristisch ist auch die eindeutige Art, wie Ruppin der nordamerikanischen Judensiedlung die Prognose stellt**): „Noch ist zwar das Juden viertel von New-York kaum etwas anderes als ein russisches oder galizisches Ghetto auf amerikanischer Erde, und seine Insassen arbeiten mühsam als Schneider und Schuster unter dem Schwitzsystem um das tägliche Brot, aber wie lange noch? Nicht ewig wird der Jude in den Schwitzwerkstätten bleiben. Für den Anfang sind sie ihm unentbehrlich, um in dem ihm ganz fremden Wirtschaftsleben Fuß zu fassen. Aber er lugt von der Schwitzwerkstätte beständig nach anderer Tätigkeit aus; sie ist ihm nur das Sprungbrett (!) zu anderen Berufen. Noch sind erst etwa 30 Jahre seit dem Beginn der großen Einwanderung verflossen, und die Einwohner stellen größtenteils noch die erste Generation vor; in der zweiten und dritten wird erst das Schicksal, das sich heute nur ahnen läßt, offenbar werden." (Gemeint ist damit das Schicksal der Assimilation.) — Man lese, zu welch anderen Schlüssen Chasanowitsch die unmittelbare Beobachtung des jüdischen Lebens in Nordamerika drängt.***) Hier haben wir die Erklärung für die vielen Lücken im Aufbau des Buches. Wenn dort Ruppin wichtigste positive Erscheinungen ganz unberücksichtigt läßt oder sie in einer ihrer Bedeutung gar nicht gerecht werdenden Kürze abtut, so entspricht das diesem pessimistischen Charakter seiner Methodik. Am ausgesprochensten zeigt sich dieser Pessimismus an jener Stelle, wo Ruppin die Aussichten der Konzentration in Ost- *) Ruppin S. 28. **) Ruppin S. 93/4. *) Die Freistatt 2. Heft: Das jüdische Proletariat in Nordamerika.