Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Alljüdische Kritik
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 207 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119806-3120375--0356-3120455- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
206 F. M. Kaufmann, Alljüdische Kritik IL Buches eliminiert er einfach diesen wichtigsten jüdischen Aktivposten, während er den sehr fraglichen Möglichkeiten einer minimalen Judensiedlung in Palästina ein Fünftel des ganzen Buches widmet. Jene sozialwissenschaftlich hochbedeutsame Erscheinung endlich, die in der jüdischen Expansion den wichtigsten Platz einnimmt: Der Uebergang breiter Massen von vermittelnder zu produzierender Tätigkeit ist von Ruppin ganz und gar vernachlässigt worden. Im Bauplan gibt es so wenig ein Kapitel über „Das jüdische Proletariat", wie ein solches „Ueber den Vorgang der zunehmenden Differenzierung im Volksorganismus." Wir sahen, ein schneller Blick über die äußere Gliederung des Buches genügte, um klaffende Lücken und unhaltbare Mißverhältnisse der Architektur bloßzulegen. Gewiß, Ruppin schreibt in der Vorrede zur 2. Auflage: „Die Zeichen der Zeit verlangen eine Deutung, und ich habe meine Deutung gegeben." Wer aber so willkürlich wie er die Zeichen der Zeit berücksichtigt, wer aus dem Widerstreit der Kräfte im jüdischen Leben die bedeutsamsten Komponenten ausschaltet, dessen Deutung läßt sich wissenschaftlich nicht aufrechterhalten. Noch aber haben wir nicht berücksichtigt, daß zwischen der Methodik und dem Aufbau eines Buches ein genetischer Zusammenhang besteht; daß die Fehler der Architektonik die Kristallisationen einer mangelhaften Methodik darstellen. Darum prüfen wir jetzt Ruppins Methodik einmal auf ihre Einheitlichkeit, und dann daraufhin, ob sie den Besonderheiten des Objektes Rechnung trägt. Wir erwähnten schon, daß der erste Teil des Buches den Nachweis für die Zerfallstheorie zu erbringen sucht. Hier, wie überall im zweiten Teil, wo Ruppin die Ergebnisse des ersten zu verwerten sucht, trägt die Methode einen ausgesprochen fatalistischen und pessimistischen Charakter. Bei der Urteilsbildung über die wesentlichsten Phänomene im jüdischen Leben werden ausschließlich die negativen Momente berücksichtigt und in den Vordergrund gezogen. Gleich im Anfang*) heißt es: „Vor unseren Augen bröckelt Stein um Stein aus dem einst so fest gefügten Bau der Judenheit. Taufe und Mischehe lichten die Reihen der (!) Juden in steigendem Maße . . . Damit greift der Abbröckelungsprozeß auf die großen Judenmassen Osteuropas hinüber und droht das letzte Bollwerk der Judenheit zu untergraben. — Viele Momente wirken zusammen, *) Ruppin S. 3.