Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Alljüdische Kritik
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 205 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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204 F. M. Kaufmann, Alljüdische Kritik II das für die Verelendungstheorie irgendwie benutzbar ist, zusammengetragen. Es folgt ein für den Zusammenhang belangloses Intermezzo: „über den Rassen- und Kulturwert der Juden," Auf dieser Basis erhebt sich dann die Krönung des Gebäudes: die abschließenden 70 Seiten behandeln „die Ziele des jüdischen Nationalismus" (lies Zionismus). Wie man sieht, ein Thesenbuch, Denn so baut man keine Lehre vom Leben auf. Existiert doch weder ein Individualnoch ein Gruppenorganismus, an dem nicht neben Zerfallserscheinungen damit parallel und konträr verlaufende Aufbauerscheinungen wahrzunehmen sind. Erst der Nachweis der gegenseitigen Bedingtheit dieser polaren Phänomene ergibt ein Bild vom Leben. Wer aber „ein vollständiges Bild der sozialen Erscheinungen und Tendenzen innerhalb der heutigen Judenheit" geben will*), der darf nicht so bauen, wie man eine Agitationsbroschüre baut; darf nicht das darzustellende Leben in seinen wichtigsten Erscheinungen unbeachtet lassen. Wer vollends dem Assimilationsproblem 200 Seiten widmet, der kann den äußerst komplizierten Phänomenen der Korroboration und der Expansion im Organismus des jüdischen Volkes selbst auf 400 Seiten kaum gerecht werden. Dieser Komplex der Wachstums¬ und Neubildungsvorgänge, der uns ein ganz neuartiges, sich in allen Teilen veränderndes Bild der jüdischen Positionen liefert, ist ja, wie wir später zeigen werden, in seinem ganzen Umfange und in seiner Tiefe noch gar nicht zu übersehen. Hätte Ruppin sein Buch „eine pathologische Untersuchung" genannt, so wäre natürlich weniger über die Einseitigkeit, mit der er das Biologische vernachlässigt, zu rechten als darüber, daß er im therapeutischen Teil ganz willkürlich und ausschließlich einer höchst ungenügenden und anfechtbaren Heilmethode das Wort redet. Wer aber, wie er, nicht eine pathologische, sondern eine biologische Studie („ein vollständiges Bild" usw.) bieten will, der kann nicht umhin, die Bücher „die Korroboration" und „die Expansion" als Grundquader in seinen Bauplan einzuzeichnen. Nur so kann eine „sozialwissenschaftliche Untersuchung" aussehen, daß erst auf dieses breiteste Fundament „die Assimilation" als drittes Buch folgt. Bei Ruppin läßt sich nicht einmal der Torso zu einem derartigen Fundament im Bauplan nachweisen, noch kann man ihn aus sporadischen Bausteinen nachträglich zusammenstellen. Das bedeutet für den Bauplan des ganzen Buches einen verhängnisvollen architektonischen Fehler, für den zweiten Teil („die *) Ruppin: Die Juden der Gegenwart, 1911, Vorwort z. IL Auflage, S. IV»