Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Alljüdische Kritik
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 203 (sequence 2)
- Language
- German
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202 F. M. Kaufmann, Alljüdische Kritik II Ist doch die Emotion des Volkes fest verankert in den ungetrübten Sinnen und den ursprünglichen Trieben der zentralen Massen! Nichts Launenhaftes ist in ihr, solange nicht das Volk zum Pöbel entartet. Diese Emotion verträgt die stärkste gedankliche Bohrung. Denn das Volksfühlen ist divinatorischer, logischer als alle Logik, ist ganz anders die Emotion der Intelligenzler: der „Westler".*) Vom Rationalismus zermürbt, entbehrt diese der divinatorischen, triebhaften Sicherheit. Ihr fehlt die Logik der ungebrochenen Instinkte. Ihr fehlt alles Zwingende und Divinatorische, weil sie sich nicht aus tiefsten, der Logik unzugänglichen Reservoiren der Volksenergie speist, sondern mit den dürren Kenntnissen des flüchtigen Tages. Die Emotion der Westler — das ist die Emotion des Zionismus. Darum ist die zionistische Doktrin viel zu schwach fundamentiert für tiefschürfende Untersuchung; die hätte gleich den organischen Fehler des Zionismus als einen an den Instinkten und Aspirationen entwurzelter Intelligenzler orientierten „Volk sbewegung" aufgedeckt. Das besagt aber, daß eine ernsthafte innere Kritik nicht auf dem zerbrechlichen Fundament einer derartigen Doktrin verharren kann. Es konnte und kann aus diesem Grunde nicht zu einer kontinuierlichen, inneren Kritik im Zionismus kommen; und in dieser Eigenart der Theorie, daß sie niemals eine systematische, innere Kritik ermöglichen kann, liegt die entscheidende Ursache für das ungeheuerliche Faktum, daß die Theorie einer vorwiegend von Intelligenzlern getragenen Bewegung steril geblieben ist Ein Blick auf die zionistische Publizistik bestätigt diese Feststellungen. Ihren Höhepunkt erklomm sie mit dem Buche Ruppins „Die Juden der Gegenwart", das der Bewegung zur anerkannten Bibel wurde. Wer sich nicht an der Tagesschreiberei orientieren will, wird sich an dieses Buch halten müssen. Es ist aber darin zu keiner eigenartigen, selbständigen Systembildung gekommen, auch nicht zu einer Fortentwicklung der Broschürenliteratur. Dazu hätte Ruppin das Knochengerüst der Doktrin bloßlegen, ihre beiden Hauptideenkomplexe — Untergangstheorie und Palästinaismus — herausschälen und auf ihre Tragfähigkeit prüfen müssen* Diese unaufschiebbare kritische Arbeit, die aHein ihn über seine Vorgänger hätte hinauskommen lassen, lag aber nicht in seiner Absicht, Es genügte ihm, statt der Kritik ein Resume der Broschürenliteratur zu geben. Er übernahm deren Voraussetzun- *) .Westler" hier in dem Sinne, wie der Begriff im 2. Heft, S. 74, bestimmt wurde*