Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Im Rausch der Bücher
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119805-3120229--0293-3120334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
186 Max Brod, Im Rausch der Bücher. das vor sich, so ganz ohne mein Wissen und Wollen? Wie kommt es, daß ich von diesen Dingen, die doch mein Ich ausmachen, erst durch Bücher etwas erfahren muß? —" Die Brücke zur Wirklichkeit fehlte ihm. Er begriff nicht, wie er früher so in den Tag hinein hatte leben können. Alles bestaunte er jetzt. Er zog seinen Handspiegel hervor und betrachtete sich, die rotblonden Haare, die weiße Stirn, die zarten, rosigen Wangen, in deren Poren ihm Geheimnisse zu schlummern schienen: „Das also bin ich! Das ist Georg Schamann. So sehe ich aus, genau so. Nein, undenkbar. Warum bin ich nicht ein anderer? Warum müssen gerade hinter diesem Gesicht, das ich jetzt vor mir im Spiegel sehe, diese Gedanken entstehen? Könnte ich nicht ebensogut ganz anders aussehen? Ein ganz anderer sein? Nein, wie lächerlich, ich, gerade ich, bin der Georg Schamann, der am Bergstein Nr. 2 wohnt, in Prag, warum gerade in Prag? Ich bin es, der eben sein Gerichtsjähr beginnt, der sich heute mit seinem Vormund gezankt hat und von seinem Freunde mißverstanden worden ist, der immer wieder in festen Bahnen mit denselben Leuten zusammenkommt? Was für eine Beziehung hat das alles zu mir? Wo hängt es mit meiner Seele zusammen? Was wissen die mikroskopisch nicht sichtbaren Micellen, die Zentrosomen einer meiner Zellen davon? .... Und zu denken, daß ich selbst, in meiner Gänze, wie ich dasitze, in meiner Realität, doch einmal nur mikroskopisch groß war, fast unsichtbar, ein Samentierchen in meines Vaters Spermatogonium? Und nicht nur ich, ebenso der berühmte Dichter Oskar Wilde oder Napoleon, alle einmal knapp an der Grenze des Sichtbaren! Das sind Dinge, die mir phantastisch erscheinen, und die doch nur Wahrheit sind. Und ebenso, daß ich einmal sterben werde, einfach aufhören, ein organisches Wesen zu sein und nur noch dem niedrigeren und weniger unbegreiflichen Walten chemischer und physikalischer Stoffwechselprozesse verfallen. O, ich werde sterben! Werde sterben und niemals auf den Grund dieser Rätsel kommen, niemals! In Ewigkeit wird alles unklar für mich bleiben . . Angst befiel ihn, Mitleid mit sich selbst und eine brennende Neugierde. Er beneidete niemanden so sehr wie die Menschen, die tausend Jahre nach ihm zur Welt kommen würden; denn dann würde man in der Erkenntnis der Natur doch schon weiter vorgeschritten sein. Der Kopf begann zu schmerzen, die schwüle Luft in der Bibliothek bedrückte ihn. „O, zu sterben . . . und nichts zu wissen . . . nicht einmal alles das zu wissen, was schon jetzt erforscht ist . . . nicht einmal alle Bücher dieser Bibliothek, dieses Saales zu kennen. So viele Genies der Menschheit sollen für mich nicht gelebt haben! Vielleicht hat ein For-