Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 188

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Im Rausch der Bücher
Date
1913-06-15
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119805-3120229--0294-3120335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Max Brod, Im Rausch der Bücher 187 scher in London schon entdeckt, was ich so sehr wünsche, und er veröffentlicht es nicht. Er gibt es erst drei Tage nach meinem Tode heraus . , . Und inzwischen funktionieren meine Zellen weiter, ich selbst funktioniere und verstehe mich nicht, ich bin sowohl das Unverstehende wie das Unverstandene, ich fühle mein Herz gehen, meine Muskeln sich zusammenziehen und kann doch nicht in mich hineinschauen, ich trage die Objekte meiner Forschung mit mir herum, und es hilft mir nichts . Da klingelte die Uhr leise. Ein Schlag. Ein Uhr. Und der Diener rief laut und breit durch den Saal: „Pänove racte odevzdat knihy — Die Herren wollen die Bücher abgeben . . Bedrängt von Fragen ging er die Stiege hinunter. Er wünschte sofortige Entscheidung der Probleme, nichts schien ihm jetzt dringender als die Beendigung des Kampfes zwischen Weismanns Keimplasmatheorie und Hertwigs Biogenesis* Er hegte den glühenden Wunsch, selbst Biologie zu studieren, die Lehrzeit schon hinter sich zu haben, nur schnell, und mit dem Mikroskop diese Zweifel, die ihn quälten, zu lösen. Unten auf dem Platze vor der Bibliothek befiel ihn eine andere Stimmung: „Nun, so dringend ist das ja nicht. Die Menschheit hat sich ja solange ohne diese Dinge beholfen, auch ich habe ohne sie gelebt. Es wird schon weitergehen . . Ein Zustand eigenartiger Sorglosigkeit trat ein, der vielleicht das köstlichste Stadium seines wissenschaftlichen Treibens war. Er fühlte sich allen kleinlichen Plagen des Lebens unendlich weit entrückt, sein persönliches Wohl existierte kaum mehr für ihn, da er aus dem Getöse so viel wichtigerer Unsicherheiten emporgetaucht war. Schlaff und wohlig wie nach einem allzu heißem Bade lehnte er am Portal. Er verstand nichts von dem, was um ihn war Es schien ihm, als sei er nur ganz zufällig hier in dieser Welt und Umgebung, als ginge ihn hier nichts etwas an, als könne er sich mit dem nächsten Windhauch auf* und davonmachen . . . . Da, an der Straßenecke, wo er ihr schon so oft begegnet war, fiel ihm Frau Rosa ein. Und in demselben Augenblick verschwand der Zauberbann der Bücher, mit ihm der befremdende Anblick dieses Platzes, das Gefühl der Freiheit in Georgs Brust. Schon fühlte er sich wieder sehnsüchtig beengt, ruhelos, gequält, nach Augenblicksbefriedigungen schmachtend, und statt aller erhabenen Gedanken, die wie eine dünne Kruste weggeschwemmt waren, dachte er nur den einen, gewohnten, peinigenden Satz: Wie stelle ich es an, daß ich sie heute noch sehe? —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.