Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Im Rausch der Bücher
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Brod, Irn Rausch der Bücher 185 Erlebnissen charakteristisch schien, und der jedenfalls wenigstens seine eigentümliche Auffassung des Wissenschaftlichen gut umschreibt. Der Satz, den er sich oft leise, mit einem halb ironischen, halb demütigen Lächeln vorsagte, lautete: „In der Wissenschaft kommt es immer anders, als man glaubt Gerade das Unwahrscheinliche ist richtig," Er hatte auch eine Menge von Beispielen hierfür gesammelt, wie: Die Erde hat nicht etwa positive Elektrizität, wie man annehmen sollte, sondern negative. — Nach der Ampereschen Schwimmregel erscheint der Nordpol nicht etwa zur rechten, sondern zur linken Hand* — Ein dünner Draht ist relativ fester als ein dicken — Drähte mit größerem Querschnitt leisten dem elektrischen Strome gerade kleineren Widerstand. — Wasserstoff verhält sich in der Chemie wie ein Metall. — Der menschliche Körper enthält 60 Prozent Wasser usw. . . . Es machte ihm eine seltsame Freude, diese bizarren Tatsachen aneinanderzureihen, und er stellte es sich als Regel auf, wenn er ein wissenschaftliches Gesetz erraten wollte und an sich zwei Möglichkeiten offen sah, immer die fernerliegende zu wählen. Darin lag natürlich kein Spott, vielmehr die tiefe Beseligung eines Reisenden im fremden Lande, der, im Genuß seines nicht alltäglichen Glückes, diese Fremdartigkeit mit Begeisterung übertreibt Aber dieses Gefühl der Fremdartigkeit war wieder nichts Beschauliches wie bei einem Reisenden, sondern glich eher der glühenden Werbung eines Liebhabers um ein Mädchen, das ihn noch durch unerklärliche Winkelzüge narrt. Überhaupt war Georgs Verhältnis zu den Büchern kein einfaches, kühles wie das eines Berufsstudenten, sondern, da es seine ganze Person ergriffen und seine mannigfachsten Kräfte ausgelöst hatte, konnte es in der Kreuzung dieser Kräfte vorläufig nur sehr verworren und ihm selbst ganz fragwürdig sich darstellen. Erst nach vielem Blättern manchen Vormittag und manchen Nachmittag lang läuterte sich diese Leidenschaft, und er begann zu fühlen, daß sich sein Interesse auf die Naturwissenschaften konzentrierte. Bald fesselte ihn Hertwigs „Biologie" ausschließlich. Seine Begriffe klärten sich. Er lernte alle Funktionen des Lebens an der Lebenseinheit beobachten, an der Zelle, und diese selbst, die er sich bisher immer ungefähr wie ein winziges, einfaches Korn vorgestellt halte, zerlegte sich vor seinen Augen in eine Unzahl höchst zart und bestimmt gestalteter Bestandteile, in Wände, Kern und die verschiedensten Protoplasmabildungen. Diese Vorstellung versetzte ihn wie in einen magischen Traum. „Was machen meine Zellen wohl jetzt", sagte er sich dann, „Einige Millionen teilen sich gerade, andere wachsen, andere verändern ihre Lage, andere denken. Wie geht