Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Im Rausch der Bücher
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Brod, Im Rausch der Bücher 183 erhaschte den Moment, wenn die Diener mit Büchern herauskamen, und warf lechzende Blicke in die weiten, schnell wieder verschlossenen Gemächen Trotz aller Gegenvorstellungen, die er sich selbst machte, konnte er nicht umhin, von den seinem Auge entzogenen inneren Sälen die abenteuerlichsten Ideen zu hegen* Er dachte sie sich als eine Folge großer, kühler Tropfsteingrotten, durch die statt der unterirdischen Bäche langsam große Lawinen von Büchern sich einherschoben. Bei dieser Einbildung begann er vor Glück zu zittern. Die Möglichkeit, so vieles zu lesen, zu lernen, betäubte ihn. Viel zu wissen, alles zu wissen, alles übersichtlich und doch bis in die kompliziertesten Details, das trat ihn in solchen Augenblicken als der höchste Erdengenuß, förmlich als sinnliche Ekstase an, und wie gut begriff er dann, was ihn früher einmal Wunder genommen hatte: warum die Grabsteine gelehrter Rabbiner auf dem alten Prager Judenfriedhof üppige Weintrauben eingemeißelt zeigen, diese betörende Süßigkeit als Symbol des Wissens! .... Es war ihm ganz klar, daß seine Art, zu arbeiten, nicht die übliche und auch nicht die richtige war. Trotzdem konnte er, im Glück seiner ersten Annäherung an die Wissenschaft, noch für lange Zeit hinaus sich zu einem ruhigeren Studium nicht ermannen* Wie einem Hungrigen Leckerbissen nicht mehr gelten als Brot, fraß er die Bücher, ohne Wahl Später waren dann gewisse Äußerlichkeiten das erste, woran er mit einer stilleren Freude beobachtend sich festsetzte. So verliebte er sich in die Devise „Semper bonis artibus" und in den Delphin auf den Büchern des Fischerschen Verlags in Jena, in das glatte Papier, die klaren Buchstaben und in diese Art, Eigennamen durch Druck in lauter Großbuchstaben auszuzeichnen- Mit Hingebung las er die Einleitungen der Bücher, in denen ein Gelehrter seinem berühmten Lehrer dankt oder seiner Frau, seiner lieben, milden Schwester, die um die Korrekturen des Werkes bemüht gewesen war. Oftmals beschäftigte er sich lächerlicherweise damit, selbst eine Einleitung zu einem gar nicht vorhandenen wissenschaftlichen Werke zu entwerfen, in bescheidener Art gigantische Mühen und Zeitaufwendungen durchblicken zu lassen, die Gegner höflich zu loben, sich auf vierzigjährige Lehrpraxis zu berufen, den Freunden für allzu günstiges Urteil über die früheren Ausgaben zu danken, Übersetzungen in fremde Sprachen kurz und ohne Kommentar zu erwähnen. In diesem eleganten Vorhof geistiger Anstrengungen gefiel er sich wohl; doch bald drang er weiter in die Bücher ein, las die Definition der Wissenschaft, um die es sich handelte, die oft schon strittigen, haarschärfen Unterscheidungen am Anfang. Gleich auf den nächsten Seiten erfüllte es ihn dann