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Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 183

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Im Rausch der Bücher
Date
1913-06-15
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
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182 Max Brod, Im Rausch der Bücher. und man glaubte jetzt, die Schmucklosigkeit des ganzen Raumes zu begreifen. Alles hier war nüchtern, wie um den Büchern alleinige Wirksamkeit einzuräumen; die Kästen glatt, die Öfen aus schlicht gerieftem Eisen, schwarze Türme. Eine riesige Wandfläche trug nichts als das Thermometer, eine andere nur den Löschapparat und eine kleine amtliche Ankündigung. Es war beinahe nichts Äußeres mehr, sondern nur noch ein geistiger, entmaterialisierter Raum: dieser geräuschlos rauschende Saal in seinem unwahrscheinlichen Zwielicht. Und nur eine große, alte Uhr aus edlem, rotbraunem Holz, mit Goldverzierung und metallenem Zifferblatt, die von geschweiftem Piedestal wie ein prachtvoller Vogel emporflog, schien an die zurückgelassene Erde mit ihren köstlichen Palais, Städten, Flüssen und Wäldern traumhaft zu erinnern. Doch nicht dies waren die Gedanken Georgs, sondern er schritt sofort auf die Regale zu. Diese Fülle schwarzer Buchrücken, die Goldbuchstaben und roten Vignetten der Handbibliothek berauschten ihn durch ihre Einförmigkeit wie ein überlanger Schluck Wein. Wahllos griff er ein Buch heraus, ein anderes, schlug auf, faßte schon das nächste. Er hatte keine besonderen Interessen, er las alles. Einen ganzen Haufen sammelte er so, schleppte ihn auf seinen Platz, hing schon wieder am Regal, wie eine trunkene Biene an einem Baum mit seinen unzähligen Blüten, und ließ seine Hand durch alle Fächer taumeln. Auf seinem Pult lagen schließlich neben- und übereinander Klassikerausgaben, Bände der „Allgemeinen deutschen Biographie", Tomeks „Geschichte der Stadt Prag", Kaisers „Archivkunde", Mythologien, eine „Fundamental-Theologie", „Chirurgische Operationslehre" von Köcher, Stöhrs „Histologie", Wundts vLogik" und „Geschichte der Musik" von Ambros; aber Georg suchte noch ein freies Plätzchen für die „Experimentalphysik" von Berliner oder die „Synopsis der drei Naturreiche". Er las mit fieberhafter Eile, bald aus dem, bald aus jenem Buch ein Kapitel. Nie wurde er mit seinem für einen Tag bestimmten Pensum fertig; denn immer sprang er ab und nahm etwa zwischen den Argumenten Blumes zur Dreimassentheorie der Pandekten ein Stückchen „Geschichte der Philosophie" von Überweg oder einen Lexikonartikel vor. Im Zeitschriftenzimmer blätterte er die verschiedenartigsten Revuen durch, wartete gespannt auf das Erscheinen der neuen Nummern und verlangte sogar die alten Jahrgänge. Eine schier unermeßliche Gier nach Gedrucktem hatte ihn erfaßt, und wenn er sich durch die Handbibliothek müde gestöbert hatte, stand er manchmal an der Türe, die zu den eigentlichen Bibliotheksräumen führte. Er

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