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Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 182

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Im Rausch der Bücher
Date
1913-06-15
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
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Max Brod, Im Rausch der Bücher 181 selben Titel, und jedesmal zürnte er sich, der kurzen Verzögerung wegen, da ihm jedesmal erst nach Musterung aller Bücher einfiel, daß diese Auslage nie geändert wurde. — Dann aber rannte er um so hastiger die alte Holztreppe empor, die breit und sanft anstieg wie eine Straße. Ohne den Aushängekästen der Fakultät und der studentischen Vereine, die mit kleinen, farbigen Wappenschildern geschmückt waren, auch nur einen Blick zu gönnen, nahm er möglichst viele der flachen, weiten Stufen auf einmal. Die dicken Mauern, die wie durch Schießscharten Ausblicke auf die belebte Gasse gaben, erweckten in ihm das Gefühl, als sei er in einer Festung und allen Gefahren entronnen. Er kam fast täglich hierher. Nie versäumte er es, oben am Ende der Treppe angelangt, einen Blick in den Hof zu werfen, wo der schöne Barockturm der Sternwarte nach allen Seiten seine zierlichen Balustraden wie schußfertige Bogen krümmte, elegant über den alten Klostergebäuden. Und zu diesem Bilde paßte die feierliche Aufschrift über der Türe zur Seite: Bibliotheca Caesarea Regia. Er trat ins Vorzimmer, legte seinen Überzieher dem Garderobediener mit lüsterner Langsamkeit in die Hand, und nun hinderte ihn nichts mehr, den Lesesaal zu betreten. Ein heiliger Schauer befiel ihn, wenn er den endlos weiten, niedrigen, düstern Saal überblickte, in dem Licht und Dunkel miteinander rangen. Das Licht hielt sich an der weißgetünchten Gewölbdecke, deren mittelalterlicher Ernst durch die vielen elektrischen Leitungsdrähte kaum gestört wurde, eine mittlere Blässe schwebte um die weißen Porzellanschirme in der Luft, die Dunkelheit lag als Menschenmasse über die grünlackierten Tische ausgebreitet. Fast alle Plätze waren besetzt Studenten hatten Bücher und Schreibhefte ausgebreitet, blätterten und zogen zwischen den Seiten große Landkarten, farbige Tafeln heraus, manche erhoben sich gerade, zwischen den engen Sesselreihen stolpernd, ein Buch voran in der Hand, um es ins Regal zu stellen, viele hielten sich den Kopf, ihrer Arbeit müde, mit roten Ohren, und starrten geistesabwesend vor sich hin, erst dann erwachend, wenn irgend ein zufälliger Blick aus der Ferne den ihren kreuzte. Einzelne waren unruhig. Andere wieder hatten vor sich ein Buch und dahinter auf einem Stoß von Büchern ein anderes aufgeschlagen, durch ihre Brille lasen sie bald in dem entfernten, höheren, bald vorn und schienen beide zu vergleichen, friedlich in ihren Fleiß versponnen. Einer stöhnte und flüsterte mehrmals dieselbe Zahl, den Kopf verzweifelt zur Decke emporwerfend. — Eine arbeitsschwere, atemberaubende Luft ging von den vielen Leuten aus,

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