Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Uebersicht über die jiddische Literatur
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Moses Schallt, Übersicht über die jiddische Literatur. 179 wokzal" (Um den Bahnhof herum) und des eben erschienenen Romans „Nüch alemen" (Nach allem) erstanden. Fast alle hebräischen Schriftsteller schreiben jetzt auch jiddisch. Und zwar so viel und so oft, daß es schwer zu sagen ist, ob sie eher jiddische oder hebräische Schriftsteller sind. S. Schneier und David Frischmann sind schon vollständig mit der jiddischen Literatur verwachsen, und in den letzten Tagen erschien ein jiddischer Gedichtband des großen hebräischen Dichters Chaim Nachman Bialik, der zeigte, daß seine Kraft im Jiddischen nicht geringer als im Hebräischen ist. Vor kurzem erschienen ferner zwei prachtvolle Bände in ausgezeichnetem Jiddisch von dem berühmten hebräischen Schriftsteller Micho Josef Berdyczewski. Neben den Belletristen gibt es eine ganze Anzahl talentvoller jiddischer Publizisten und Kritiker: Dr. Nathan Birnbaum, Dr. Chaim Schitlowski, Dr, Josef Lurje, Bal-machschuwes, Hillel Zeitlin, Sch. Gorelik, Sch. Niger, Sch. Rosenfeld, J. Qrinbajm, Baidimjen, Dr. A. Mukdojni, Ben-adir, N. Priluzki und viele andere. Jiddisch besitzt eine große Tagespresse, die in hunderttausenden Exemplaren erscheint, und die nicht selten wertvolle, künstlerische Werke durckt, drei ernste Monatsschriften für Literatur, Kunst, Wissenschaft und Politik: „Zukunft" und „Das neue Leben" in New-York und „Die jüdische Welt" in Wüna, in denen die Arbeiten der besten jüdischen Schriftsteller erscheinen. „Die jüdische Welt" ist hauptsächlich rein künstlerisch-literarisch. Die „Zukunft" behandelt soziale, politische, ökonomische und literarische Fragen vom sozialistischen Standpunkte aus. „Das neue Leben" unter der Redaktion Dr. Chaim Schitlowskis, im 5. Jahrgange, enthält hauptsächlich ernste jüdische Publizistik, Kultur und Philosophie in der Synthese des Allgemeinmenschlichen und Jüdischen. Alle drei Zeitschriften stehen auf hoher literarischer Stufe* Jiddisch hat sich schon jetzt trotz der Jugend seiner Entwicklung fähig gezeigt alle Kulturwerte Europas in sich aufzunehmen. Jiddisch als Sprache hat sich schon jetzt als genügend geschmeidig und reich erwiesen, um Werke von Shakespeare, Goethe, Tolstoi, Dostojewski, Hamsun, Spencer zu übersetzen und über Maeterlinck, Nietzsche, Kant, Hegel, Stammler, Henri Bergson zu schreiben. Das Jiddische hindert das Hebräische nicht und steht überhaupt niemandem im Wege. Im Gegenteil, Jiddisch verbindet sich und strebt nach der Verbindung mit Hebräisch und mit der ganzen jüdischen alten Kultur. Jiddisch schöpft daraus wie aus einem Quell — aber gleichzeitig ist es nicht durch Scheidewände abgeschlossen und ist nicht verknöchert. Frei und offen