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Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 181

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Uebersicht über die jiddische Literatur
Date
1913-06-15
Page
Seite 181 (sequence 5)
Language
German
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180 Max Brod, Im Rausch der Bücher. ist es für die ganze Welt und für die ganze allmenschliche Kultur, jeden Augenblick bereit, etwas aus ihr aufzunehmen und zu verarbeiten. Die jiddische Sprache, noch nicht endgültig kristallisiert und ausgebildet, hat jene Kraft der Empfindung, des Einsaugens und Auffassens, wie sie das frische Mark eines Jünglings hat, der bald als reifer Mensch ins Leben treten wird. Heute ist Jiddisch nicht nur das stärkste kulturelle Mittel fürs Volk, sondern auch seine stärkste nationale Waffe gegen Assimilation und Geistesknechtschaft. Keine einzige Entwicklung, keine Umwälzung, keine Bewegung im jüdischen Volke — keine politische, soziale, ökonomische oder religiöse — ist ohne Jiddisch mehr möglich .... Die jiddische Literatur als solche ist, abgesehen von allem anderen, eine Sache an und für sich geworden, weil sie selbstständigen künstlerischen Wert hat. Wir werden die jiddische Literatur in den folgenden regelmäßigen Übersichten an konkreten Beispielen kennen lernen. Bei der Analyse der wichtigeren und interessanteren Neuerscheinungen wird sich die Möglichkeit und Gelegenheit bieten, den Leser der „Freistatt" mit den inneren Erlebnissen, Stimmungen, Bewegungen und Bestrebungen der Literatur in jiddischer Sprache, d. h. mit dem Leben und den Hoffnungen der jüdischen Gesellschaft in ihren deutlichsten Farben bekannt zu machen. (Aus dem jiddischen Manuskript übersetzt). Im Rausch der Bücher. Ein Romankapitel. Von Max Brod.*) Nein, unerträglich ist mir das Leben noch nicht, dachte Georg, als er, nun allein, in das Gebäude der Universitätsbibliothek eintrat, — es gibt noch so viele schöne Dinge. Schon die Auslagen einiger Buchhandlungen am Eingange unten erfüllten sein Herz mit Bangigkeit und Entzücken, In diesen Auslagen standen schon seit Wochen dieselben Bücher, eine Abhandlung über Horaz, eine neue Theorie des Strafrechts, ein Werk über die Flora Australiens, Hilfsbändchen für Germanisten und anderes; jedesmal im Vorbeigehen las Georg die- *) Aus dem ungedruckten Roman, dessen Titel noch nicht feststeht. Vielleicht wird er »Die tausend Vergnügungen* oder .Erziehung eines Liebespaares* genannt werden.

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