Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 175 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Julius Bab, Assimilation. Ideal, wo sie nicht Weg zur möglichst reinen Entfaltung individuellen Menschentums ist; für Herrn Strauß ist sie offenbar letzter Lebenswert an sich. Hier scheiden sich die Geister. Jch glaube, wenn sich die Wasser der romantischen, von der Allmacht des Blutes geschwellten nationalistischen Ströme verlaufen haben, wird — um manche groteske Zacke heilsam erleichtert — der Fels der liberalen Menschheitsidee wieder dastehen, und ich glaube, daß gerade das an viele Nationen hingegebene, nur im geistigen Rhythmus geeinte Judentum im Dienst dieser Idee sein Schicksal am reinsten erfüllt. Aber hier sind Glaubens fragen, und die Möglichkeit des Diskutierens endet. Dagegen kann ich mit Ludwig Strauß wohl noch über seine spezielle Kritik meiner Definition von „Judentum und Dichtertum" diskutieren. Einmal möchte ich vor der gefährlichen Gleichsetzung warnen, mit der von Strauß (aber keineswegs von mir!) die Begriffe „schöpferisch" und „künstlerisch schöpferisch" behandelt werden. Der menschliche Geist ist auf sehr vielen, sehr wesentlichen Gebieten schöpferisch. Und wenn ich dem Juden das im tiefsten Sinne originale Künstlertum abspreche, so habe ich damit den bei mir sehr tief gewurzelten Respekt vor seinen schöpferischen Kräften überhaupt nicht im mindesten verletzt. Der Jude ist schöpferisch auf allen rein geistigen Gebieten: in der Religion, in der Philosophie, in der Soziologie und jeglicher Wissenschaft — auch in der Kritik, denn es gibt eine durchaus schöpferische, von Rezension und Reportage himmelweit entfernte! „Kritik". Wenn ich nun aber sage, daß er nach Maßgabe jeder bisherigen geschichtlichen Erfahrung auf dem Gebiete der Kunst gewiß hundertmal talentiert, aber bisher kein einziges Mal genial — das heißt im eminenten Sinne schöpferisch — gewesen ist, so halte ich das allerdings nicht wie Strauß für eine Sache des Willens, sondern durchaus für eine Sache des Verstandes. Kunst ist eine im menschlichen Denken feststehende Kategorie, und nur wenn ich mich anarchisch gegen die Sprache verhalte, wenn ich für meinen Privatgebrauch plötzlich Eisen Wachs und Wachs Eisen nenne, kann ich die großen literarischen Produktionen des jüdischen Geistes „Poesie" nennen. Nicht der deutsche, sondern der denkende Mensch überhaupt versteht unter Kunst: den Akt, bei dem ein Stück der Sinnenwelt durch rhythmische Behandlung zu übersinnlicher Bedeutung, zu einer Offenbarung des Geistes, des Gottes gebracht wird. Das ist von Goethe nicht mehr und nicht weniger zu abstrahieren als von Shakespeare oder Dostojewsky, Cervantes oder Zola, Sophokles oder Gerhart Hauptmann. Überall wo die Seele ohne das Medium einer gestalteten Sinnlichkeit unmittelbar von ihrer