Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 174 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab, Assimilation 173 Speisen Deutschland seinen Leib, mit der Sprache Deutschlands sein Gehirn großgenährt hat, aus dem Organismus der deutschen Kultur herausbrechen wollen, und ihm als eigentliche Volksgemeinschaft eine östliche Masse zuweisen, mit der er ausschließlich Blutstraditionen gemeinsam hat, das scheint mir unmöglich und eine ebenso große Verleugnung der wirklichen und wirksamen Dinge, wie andererseits der Versuch, die Existenz jener ererbten Eigenschaften, die den jüdischen von jedem anderen Deutschen unterscheiden, aus der Welt zu reden. Wenn in dem programmatischen Aufsatz dieser Blätter, im Gegensatz zu dem utopischen Nationalismus der Zionisten, eine reale Durchdringung der Westjuden mit jüdischem Bewußtsein gefordert wird, so müßte das nach meinem Empfinden heißen: Unter Anerkennung unserer untrennbaren Eingebundenheit in die deutsche Kultur, Bewußtsein, Verständnis, Stolz für die spezifisch jüdischen Kräfte wecken, die wir in diesen Kulturorganismus einsetzen, und durch die wir Juden sind und bleiben. Wer von den Wortführern der rein jüdischen Kultur wäre denn eigentlich bereit, auf all jene Kulturgüter zu verzichten, die ihm ja nur durch sein Deutschtum zugeströmt sind, und ohne die die Menschheitsarbeit der letzten Jahrhunderte für ihn verloren wäre? Während die Bewegung der Ostjuden bei Lichte besehen garnichts heißt, als daß sie jetzt Anschluß an die allgemeine europäische Kultur suchen — denn ihre Abgeschlossenheit, die gewisse spezifisch jüdische Gefühlskräfte wertvoll konserviert haben mag, war doch notwendigerweise im menschheitlichen Sinne Stillstand, Stagnation, Unproduktivität — während sich diese Ostjuden trotz aller Nationaltheorien in Wahrheit europäisieren, will man uns jüdischen Deutschen als Heilmittel für Schmerzen, die unser stolz zu tragendes Schicksal sind, den Rückzug aus Europa empfehlen, — zu diesen Ostjuden, um mit ihnen eine Kulturgemeinschaft zu gründen, die keineswegs rein! aber wahrscheinlich in einem höheren Maße jüdisch wäre, dafür aber unser Menschentum von der lebendigen Gemeinschaft mit den europäischen Kulturgütern abschneiden müßte. Seit Jahrhunderten ist der jüdische Geist in eben demselben Grade menschheitlich produktiv, indem er nicht national abgeschlossen ist; er ist eine Kraft, die durch die europäischen Nationalkulturen hindurch lösend und umgestaltend sehr bedeutendes gewirkt hat, von Spinoza bis Marx und weiter. Sich zum Wesen und zu der Gewalt dieser Kraft bekennen, heißt für mich Jude sein. Sie in unfruchtbarer „Reinkultur" ihren lebendigen Zusammenhängen entziehen, heißt mir „Nationaljude" sein. Aber freilich hinter dieser Differenz klafft die größere, tiefere: Mir ist die nationale Einordnung an sich kein