Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 173 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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172 Julius Bab, Assimilation. derer, für die dies Blatt gedacht ist, genehm zu machen, so ist es für mich doch von Wert, meine sehr ernst gegründete Meinung über diese Dinge vor einem Kreise von Menschen auszusprechen, mit dem ich jedenfalls eines gemeinsam habe: ein überaus lebhaftes Gefühl für den Ernst, die Würde und die schrankenlose Diskussionsbedürftigkeit der jüdischen Frage. Herr Strauß schleudert gleich einem Felsen das Wort „Assimilation" auf meinen Scheitel Ich fürchte mich vor Worten nicht, ich biete auch diesem Wort die Stirn. Hieße Assimilation nichts anderes als das offene Bekenntnis zu der von allen in Deutschland geborenen und von keiner Ideologie verdorbenen Juden gemachten Erfahrung, daß wir in Wahrheit Juden und Deutsche sind, und nur durch ein harmonisches Ineinanderarbeiten, ein „Anpassen" dieser beiden Elemente leben können, so wäre ich mit Begeisterung bereit, mich einen Assimilanten zu nennen und nennen zu lassen, — in dem Glauben, damit ebensoviel Wirklichkeitssinn als Wahrheitsmut zu bekunden. Tatsächlich hat aber die überaus häßliche Taktik der Zionisten dies Wort in einem moralisch widerlichen Sinne festgelegt, als die Verhaltungsweise von Menschen, die nicht den Mut zur Anerkennung der jüdischen Bestandteile ihrer Existenz haben, die sich von der Wirklichkeit drücken und lautlos in der Masse der übrigen Deutschen verschwinden möchten. Ich habe es mir äußerlich und innerlich mit meinem Judentum viel zu sauer werden lassen, um die Bezeichnung als Assimilant in diesem Sinne nicht mit einiger Verachtung abwehren zu können. Wenn man, wie ich es getan habe, höchst freiwillig das Problem nach der Wirkung des jüdischen Blutes innerhalb der literarischen Kultur Deutschlands aufrollt, so sollte man gegen den Verdacht, zu den Bekennern des Vertuschung»- und Verschleierungsideals zu gehören, ja ohne weiteres geschützt sein. In diesem Sinne also lehne ich das Wort „Assimilation" ab. Aber sehr wohl bekenne ich, daß für mich die Frage der deutschen Juden, (deren Lebensinteresse mir bei einer Diskussion in deutscher Sprache nun einmal entschieden voranzustehen scheint) nicht auf „alljüdische" Weise, unter Ausschluß der deutschen Lebenselemente und unter Verweisung auf die angeblich rein jüdische Kultur des Ostens lösbar ist. Ganz einfach deswegen, weil ich die hier zugrunde liegenden Ideen von Menschentum und Nationalität keineswegs teile, Wesen und Weg eines Menschen scheint mir gewiesen durch eine Fülle von Kräften, von denen eine (sehr wichtige, niemals zu unterschlagende) das ererbte Blut, die Rasse, die Abstammung ist Neben ihr stehen zu gleichem Recht andere, gewaltige Faktoren; und einen Menschen, der mit der Luft und den