Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Geistige Produktion in Palästina
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 171 (sequence 5)
- Language
- German
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170 Jacob Rabinowitsch, Geistige Produktion in Palästina. Aber auch unser Bourgeois ist keiner Produktion fähig. Er ist sattsam zufrieden, und diese seine Zufriedenheit rinnt wie Speichel auf den Lippen und ist zuckersüß. „O, wie süß ist das Lied (wenn man so sagen darf) von Ere£ Israel!" Wer glaubt, daß die „Gesellschaft" in dieser Hinsicht eine Ausnahme bildet, täuscht sich sehr. Sie steht da, steckt die Hände in die Tasche und wartet auf die Erfüllung der Prophetenworte: „Da werden stehen bleiben die Fremden . . usw. und ist vergnügt Die Gesellschaft singt Dithyramben zu Ehren Rischons, und Rischon klatscht in die Hände zum Gelingen des „Karmel", und der „Karmel" entführt die jungen Kolonisten und bereitet sie für ihr ägyptisches Beamtentum vor, und die Schriftsteller dieses Jischubs singen in Prosa zu Ehren der Liebhaber dieser bürgerlichen An- Siedlung, und alles ist so schön und vor allem süß. Produktion ist aber in ihren Anfängen zumeist eine Folge von Erbitterung* Doch wer denkt, daß es jetzt in Palästina Platz für große Erbitterung gibt, befindet sich im Irrtum. Das Gebäude ist noch sehr klein, man kann sagen winzig, und wie der Bau, so auch seine Schäden. Es ist geradezu unpassend, mit palästinensischer Erbitterung zeitweilig nach außen zu weisen, so unbedeutend ist sie. Wohl wäre für Humor Platz da, aber die Menschen sind zu sehr durch den Aufbau in Anspruch genommen, und jeder kämpft entweder mit Hindernissen, oder er steht und wiehert vor Vergnügen. Und doch ist es manchmal schade, daß kein Humorist da ist Stoff gäbe es für einen solchen in Hülle und Fülle. Da die nächste Zukunft eine Zukunft der Arbeit und der Hingebung an sie sein wird, so kann man sich schwer vorstellen, daß für geistige Produktion Muße sein wird. Arbeit gibt es hier reichlich, und außerdem macht sich hier ein eigentümliches Verlangen nach Schaffung von Institutionen geltend. Diese merkwürdige Tendenz hat der neue Jischub von Jerusalem geerbt, und es vergeht kein Tag, an dem nicht irgend eine Institution ins Leben gerufen wird. Freilich sind die meisten dieser Gründungen dem Wunderbaume des Propheten Jonah zu vergleichen, aber schließlich braucht eine solche Institution sofort ihren Schriftführer, der sich mit Abfassung von Briefen an Institutionen und sozial tätigen Personen des Golus beschäftigt; und diese Gründungen verschlingen viele junge Kräfte. Leider! Denn diese jungen Leute verbrauchen zumeist den ganzen Rest ihres Geistes, werden zu einem Jaffaer Pendant von Existenzen, wie man sie in Jerusalem trifft, und gehen zugrunde. Eine solche Gründungsatmosphäre ist bedauerlicherweise durchaus der Produktion ungünstig. Zumeist fehlt solchen Gründungen jede Basis und jedes wirkliche Bedürfnis, und es ist nur schade, daß Jaffa