Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Geistige Produktion in Palästina
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 170 (sequence 4)
- Language
- German
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Jacob Rabinowitsch, Geistige Produktion in Palästina. 169 '•^^«•»«•■'•••^•^MH^miin^^^H^tMB^HVVVi^^aaiHa^^VVVMH^B^^^^HIBMBHMaiBMM^^ in denen es keine jüdische Arbeit gibt, in den alten Jischub einmünden. Aber jene Religion der Arbeit, die zwar viele Keime zu einer wahrhaften Renaissance und demgemäß zu geistigem Schaffen in sich birgt, befähigt doch den Jungjuden in Palästina nicht zu geistiger Produktion, da sie ja alle Kräfte, Energie und Seele für Boden und Arbeit in Anspruch nimmt. Andere schaffende Institutionen aber gibt es in der Tat in Palästina nicht Es sind zwar in einigen Branchen viele tüchtige Handwerker vorhanden, aber Schaffende sind sie nicht. Die Chalukah, die ihren Schützlingen viel freie Zeit gewährt, könnte höchstens die Grundlage für eine Theosophie, aber nicht für ein lebendiges, menschliches Schaffen abgeben. Die Chalukah hat keine Beziehung zur Gegenwart und Zukunft, sie kann mit Ruten und Bannflüchen oder philosophischen Haarspaltereien gleichsam die Vergangenheit schützen, aber außer an der Vergangenheit haben ihre Ideen keinen Anhaltspunkt Ein Chalukahmensch muß vertieft sein in Vorschriften über die Reinigung des Marktes von nicht verzehenten Früchten (d. h. solchen, die von Juden kommen, denn um die Früchte der Fremden braucht er sich nicht zu kümmern), er muß sich mit Haarspaltereien über Kilajim und Schmittah beschäftigen, er muß den Genuß von nach moderner Methode gepfropften Früchten verbieten, die Arbeit des jüdischen Arbeiters im Schmittahjahr untersagen, aber die Exploitation des Bodens durch Fremde und durch Verkauf an Fremde erlauben, er muß sich auch mit den Halachoth Erubin und Mikwajoth befassen und für sie in der Philosophie nach Frankfurter Art eine Stütze finden; er kann auch die moderne Erziehung durch eine mißglückte Karikatur verkleinern, den Besuch des hebräischen Gymnasiums verbieten und in der Stunde der Bedrängnis den Unterricht bei französischen Mönchen und Schwestern erlauben— aber mehr vermag er nicht. Dort^ wo der Staub der Chalukah liegt, ist die Seele für reines und schönes Schaffen unfähig. Die Welt von heute kann geistige Werte der Vergangenheit in sich aufnehmen, sich durch sie bereichern, aber es ist unmöglich, jetzt die Zeit unseres Großvaters wieder zu beleben und zu ihr zurückzuführen. Und wie sehr sich auch die Freunde der Orthodoxie abmühen mögen, sie werden die Toten nicht mehr lebendig machen. Auch die jüdischen Schöpfungen von heute, die von Bialik, Achad-ha-Am u. a., fordern für sich als Grundlage Gesinnungsfreiheit und Haß gegen Heuchelei. Was die Mystik anlangt, so hat sie, soweit sie poetisch ist, schöpferischen Wert, aber von dem Augenblick an, in dem sie dogmatisch wird, weicht von ihr die schöpferische Kraft, und sie wird zu einem Kulturhindernis, das man beseitigen muß, wenn man die Entwicklung moderner, freier Schöpfung fördern will.