Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Geistige Produktion in Palästina
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 169 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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168 Jacob Rabinowitsch, Geistige Produktion in Palästina. Die gegenwärtige palästinensische Judenheit ist zu sehr durch materiellen Aufbau und Erziehung in Anspruch genommen. Der Übergang zur Scholle — und dieser Übergang ist auch für den jüdischen Arbeiter und nicht bloß für die kaufmännische Bourgeoisie ein Übergang im vollen Sinne des Wortes — beansprucht den ganzen Menschen für sich. Die Anpassungsarbeit, die jetzt in den Kolonien wie En-Gannim oder auf den Nationalfondsgütern geleistet wird, und die unseren „Externen" allmählich zu einem Schöpfer materiell-immobiler Besitztümer macht, diese Anpassung, die eine ungewöhnliche Anstrengung und restlose Hingebung an den Boden und die Arbeit in denjenigen Kolonien, in denen jüdische Arbeit Fuß gefaßt hat, erfordert, saugt aus dem Menschen alle Säfte und macht ihn zu einem Knecht des Bodens und der neuen Lebensbedingungen* Denn noch ist nicht jenes von uns angestrebte, bei einem kulturell hochstehenden Bauern vorhandene Gleichgewicht hergestellt, das diesem die Möglichkeit gibt, sich in zwei Hälften, in Körper und Seele, zu teilen. Für einen solchen Gleichgewichtszustand ist die Zeit noch nicht gekommen* Wir leben jetzt noch in einer Zeit der Extreme. Die Bourgeoisie, die unsere Kolonisation auf fremde Arbeit aufhaute, machte sie ganz fundamentlos. Sohn und Tochter wurden dem Boden entfremdet: der Sohn ging nach Amerika und Ägypten, die Tochter folgt ihm jetzt nach, und der Bourgeois bleibt mehr und mehr ohne Erben. Wer dies sehen will, gehe nach Rischon, Rechoboth und Gederah. Außerdem brachte die Bourgeoisie viel falsche Kultur in unsere Kolonien. Unter dem Schleier äußerer Zivilisation schlug eine arabische Barbarei Wurzel, die beinahe die Seele abgestumpft hat. Und gegen diese Bourgeoisie erhebt sich jetzt ein Protest in Gestalt einer immer weiter um sich greifenden, vollständigen Einwurzelung unserer Arbeiter in die Scholle, eine Tatsache, die sich deutlich in En-Gannim und besonders, wie man hört, in Dagania fühlbar macht. Die Menschen streben danach, sich selbst durch den Boden und den Boden durch jüdische Arbeit zu heiligen. Es scheint, als ob der Boden wie die Seele durch fremde Arbeit entweiht worden sei, so daß der jüdische Arbeiter die Pflicht fühlt, beide von ihrer Unreinheit zu säubern. Das Evangelium Gordons und Brenners schlug Wurzel, und die Arbeit wird immer mehr zu einer heiligen Angelegenheit, zu einer Religion (worüber sich ein Bourgeois im „Hasman" lustig macht). Die Religion der Arbeit gewinnt immer mehr die Herzen für sich. Diejenigen Kolonien, in denen nichtjüdische Arbeit zum Prinzip erhoben wurde, werden immer profaner in den Augen der Welt, immer verächtlicher für jeden Unbefangenen. Der neue Jischub hat aufgehört neu zu sein, und der Tag ist nicht mehr fern, an welchem alle die Kolonien,