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Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 168

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Geistige Produktion in Palästina
Date
1913-06-15
Page
Seite 168 (sequence 2)
Language
German
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Jacob Rabinowitsch, Geistige Produktion in Palästina. 167 möglich, daß sich die Judenheit in ihm nicht zur Produktion aufraffte. Überhaupt existiert bei uns noch in gewissen Kreisen ein mystisches Verhältnis zum Land. Manche glauben, daß Palästina außerhalb aller Natur- und Entwicklungsgesetze stehe. Was Millionen Juden in Rußland, Österreich oder Amerika nicht vermochten, könnten Hunderttausende in Palästina sicher zuwege bringen. Aber es gibt auch manche, welche dies nicht zugeben, Sie sind der Meinung, daß man von Palästina in nächster Zukunft ganz und gar kein geistiges Schaffen zu erwarten habe. Es gebe hier nicht die zur Produktion nötigen Bedingungen, und woher sollte da diese Produktion kommen? Nur ein Teil der palästinensischen Juden geht allmählich zu einem normalen Leben über. Wenn wir die Zahl der palästinensischen Juden mit 100000 ansetzen, so gibt es etwa 20- bis 25000, die auf eine mehr oder minder normale Weise ihren Lebensunterhalt finden und auf eine mehr oder weniger menschliche Art ihre Kinder erziehen. Die übrigen werden von der Chalukah ernährt oder sind — zumeist Sephardim und orientalische Juden — jeder Kultur bar und beinahe Araber jüdischen Glaubens. Wenn sich nach 20 oder 30 Jahren diese Zahl verdoppelt hat, so ist kaum anzunehmen, daß sich dieses Zahlenverhältnis ändert Vor 30 Jahren waren in Palästina ungefähr 25 000 Juden, und davon lebten 13 000, das ist mehr als die Hälfte, in Jerusalem. Und jetzt leben im ganzen Lande zirka 100000 und davon in Jerusalem 55000. Außerdem genießen nicht nur Jerusalem, Safed, Tiberias und Hebron die Chalukah, sondern auch ein beträchtlicher Teil Jaffas, ja sogar die Kolonien sind nicht chalukahrein. In Pethach-Tikwah allein gibt es ungefähr 100 Familien, die Chalukah nehmen. Die Chalukah beeinflußt aber vor allem die Erziehung. Ein Jude, der Chalukah nimmt, ist darauf eingeschworen, seine Kinder der Talmud-Thora zu übergeben und sie unmodern zu erziehen. Aber das ist noch nicht alles. Der Kern der Sache liegt darin, daß Palästina und seine Kolonisation jetzt viele Kräfte erfordert, und daß, wer noch ein bißchen geistige Energie hat, sie immer mehr dem Boden, der sozialen Arbeit und der Erziehung widmet Und wie sehr diese Tätigkeit den Menschen in Anspruch nimmt, zeigt die Tatsache, daß unsere hebräischen Lehrer bis jetzt noch kein einziges Lehrbuch abgefaßt haben, das diesen Namen verdient. Die tagtägliche, mechanische Arbeit verschlingt den Menschen und seine Kräfte, und für eine Produktion bleibt nichts übrig. Die Institutionen unseres palästinensischen Jischubs sind entweder völlig jeder Arbeit fremd oder mit allen Kräften der Arbeit ergeben. Das Chalukah-Jerusalem, Hebron, Tiberias und Safed faulenzen, und Jaffa, Haifa und die Kolonien arbeiten, wie man es in Palästina bisher nicht kannte.

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