Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Geschichte der Juden in Russland und Polen
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 165 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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164 W. Kaplun-Kogan, Geschichte der Juden usw. besitzet**) und der jung aufstrebende Kapitalismus, der sich damals in Rußland erst zu entwickeln begann, und der vor allem freie Arbeitskräfte brauchte — haben die Bauernbefreiung herbeigeführt. Ferner ist es nicht richtig, daß „der russische Grundbesitzer eines Teiles seiner Ländereien, sowie der kostenlosen (nicht mehr rentablen!) Arbeit der Leibeigenen beraubt, sich ökonomischer einrichten, eine bedeutend mäßigere Lebensweise als früher führen mußte" (p. 74). Die Geschichte kennt überhaupt kaum einen Fall, in dem die herrschende Klasse ihre Lebensweise um irgend etwas ermäßigt hätte; sie griff immer zu den verschiedenartigsten Mitteln, um ihre Einkünfte zu erhalten resp. zu vermehren. So geschah es auch in Rußland nach der Bauernbefreiung. Die Ausstattung der Bauern mit persönlicher Freiheit und dem nötigen Land wurde für die Großgrundbesitzer und den Staat zu einer unerschöpflichen Quelle neuer Einkünfte. Denn der Bauer mußte natürlich für das Land und die Freiheit, die er bekommen hatte, eine ungeheure Ablösungssumme zahlen, durch welche die Grundbesitzer reichlich entschädigt wurden. „Was die auferlegten Zahlungen anbetrifft, so überragten sie vielfach den Ertrag des Bodens , . So z. B. betragen die Zahlungen beim Maximalanteil 180—210 Prozent des Bodenertrages, bei kleineren Anteilen 275—565 Prozent . . Eine derartig unerhörte Belastung des Bauernstandes hatte zur Folge, daß in den 70er Jahren in 13 Gouvernements die landwirtschaftliche Kultur derart zurückgegangen ist, daß sich die Aussaat um 14,6 Prozent, die Ernte um 27,8 Prozent, der Viehstand um 17,6 Prozent vermindert haben."**) — Und nun die Wirkungen der Bauernbefreiung auf die Juden! Auch sie sind vom Verfasser vollständig falsch dargestellt. Es ist nicht zu vergessen, daß zusammen mit den Bauern auch der Grund und Boden frei wurde. Damit aber eröffnete sich ein neues Feld für jüdische Kommissionäre, die nunmehr an der Bodenspekulation sich beteiligen konnten* Und da, wie wir gesehen haben, „die Verarmung des Adels" garnicht eingetreten war, so dauerte die Tätigkeit der Kommissionäre auch „für jede Art von Bedürfnissen der Grundbesitzer" fort Nun wurde „der Bauer durch die Freiheit selbständiger, eifriger auf seinen Vorteil bedacht, umsichtiger im Ankauf von Waren" (p. 74). Aber es ist grundfalsch, wenn Herr P. schreibt: „Die Rolle des Juden, ohne den man in den früheren Zuständen garnicht hatte auskommen *) „Im hohen Maße wurde die Ablösung des Bauernlandes durch die Verschuldung der Gutsbesitzerklasse gefördert", sagt Prof* W. G. Simkhowitsch im „Handwörterbuch der Staatswissenschaften\ Bd. 2 p. 609, **) »Handwörterbuch der Staatswissenschaften/ Bd. 2 p. 612.