Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 166

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Geschichte der Juden in Russland und Polen
Date
1913-06-15
Page
Seite 166 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119805-3120224--0262-3120313
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

W. Kaplun-Kogan» Geschichte der Juden usw. 165 können, verlor an Wichtigkeit und Einträglichkeit" (p. 75). In der Tat ist die Bauernschaft als eine Kundschaft erst nach der Befreiung auf dem Markte von Bedeutung geworden — und für den jüdischen Händler auf dem Lande besonders. Zur Zeit der Leibeigenschaft konnte der Bauer mit seiner Familie in den Tagen, in denen er nicht für den Gutsherrn arbeitete, ungefähr alles, was er sonst brauchte, selbst herstellen. Nun wurde er frei, die Ablösungssumme aber war zu groß, und um das Land bebauen zu können, brauchte er schon alle seine Tage; er mußte seine Frau zur Arbeit auf dem Felde heranziehen. Dadurch sah er sich gezwungen, alles, was er etwa für seine Kleidung brauchte, zu kaufen, — und hier kam der jüdische Händler ihm zu Hilfe. Das Spinnen und Weben auf dem Lande hörte allmählich auf; und so bedeutete die Bauernbefreiung für den jüdischen Händler tatsächlich eine Vermehrung seiner Kunden. Ich sehe dabei von den anderen für die Lage der Juden so günstigen Folgen der Bauernbefreiung ab, so z. B. von der damals beginnenden Entwicklung der Industrie, die die Arbeiterschaft schuf, d. h. neue Abnehmer für Textilwaren, deren Produktion später in Polen zu blühen begann. Ich sehe ferner ab von dem Eisenbahnbau, an dem die Juden als Lieferanten und auch sonst tätig gewesen sind. (Eisenbahnkönig Poljakoff!) Das geistige Leben der russischen Juden ist, wie schon erwähnt, von dem Verfasser sehr stiefmütterlich behandelt. Aber auch das wenige, was sich im Buche findet, ist sehr unzuverlässig. So erscheint mir P/s Charakteristik des russischen Judentums, besonders was seine freiheitliche resp. revolutionäre Gesinnung anbetrifft, sehr mißlungen. Es berührt höchst unangenehm, wenn der Verfasser unbedingt beweisen will, daß die Juden sich sehr wenig an der Revolution beteiligt haben, daß die Regierung, die in ihnen rundweg Revolutionäre sieht, sehr im Unrecht ist. Wozu dies unglaubwürdige Dementi? Ich bin der Meinung, daß die russischen Juden sich garnicht der Tatsache zu schämen brauchen, daß sie rundweg sehr freiheitlich gesinnt sind. Diese Gesinnung ist ihr gutes Recht, und die Tatsache, daß die russischen Juden wirklich verhältnismäßig mehr Revolutionäre geliefert haben als die Russen, ist nicht aus der Welt zu schaffen. Herr P. behauptet: „Alle hervorragenden Revolutionäre, alle Urheber der Attentate auf Alexander II. waren Christen gewesen" (p. 229). Das ist einfach nicht richtig. Herr P. kann sich selbst davon überzeugen, wenn er, falls er der russischen Sprache mächtig ist, die Zeitschrift „Biloe" („Die Vergangenheit"), die der Geschichte der revolutionären Bewegung gewidmet war, durchsieht. Und nun die Vermutung: „Würde man ihnen (den Juden) die Gleichberechtigung gewähren, so

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.