Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Geschichte der Juden in Russland und Polen
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 164 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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W. Kaplun-Kogan, Geschichte der Juden usw. 163 sehen Regierung gegen die Juden gibt und uns sehr wenig von dem eigentlichen Leben der russischen Juden erzählt Es ist alleidings unbestreitbar, daß Rechtlosigkeit und grausame Unterdrückung der ökonomischen und geistigen Entwicklung dem russischen Judentum einen besonderen Stempel aufgedrückt haben, aber es gab und gibt doch eine selbständige Entwicklung, die der Verfasser vollständig unberücksichtigt gelassen hat Der Vorwurf, den Sombart gegen die jüdische Geschichtsschreibung erhebt, nämlich, daß „die meisten Autoren ja gar keine andere „Geschichte" als Rechtsgeschichte kennen",*) kann darum dem Verfasser des vorliegenden Buches auch nicht erspart werden. So ist — um nur ein Beispiel zu geben — der ökonomische Kampf zwischen russischen und jüdischen Arbeitern um den Arbeitsplatz in der Fabrik mit keinem Worte erwähnt, — und diese Konkurrenz ist doch der Faktor, der die ganze wirtschaftliche Lage der breiten Massen des jüdischen Volkes in Rußland bestimmt Überhaupt kommt in dem Buche die soziale Lage der russischen Juden sehr kärglich zum Worte; die ganze Darstellung beschränkt sich auf statistische Angaben ohne den geringsten Versuch, die mitgeteilten Tatsachen wissenschaftlich zu erklären. Die Unwissenschaftlichkeit, mit der der Verfasser ökonomische Vorgänge behandelt, tritt überhaupt sehr ungünstig hervor. Ich möchte hier nur einen Vorgang etwas ausführlicher erörtern, zumal er für die Juden von allergrößter Bedeutung gewesen ist Ich meine die Bauernbefreiung in Rußland vom Jahre 1861. Was der Verfasser darüber sagt, ist völlig falsch. Er meint: „Die Abschaffung der Leibeigenschaft der Bauern, ihre Ausstattung mit Grundbesitz, die daraus erfließende Verarmung des Adels beendeten die Tätigkeit der Juden als „Faktoren", d, h. Kommissionäre für jede Art von Bedürfnissen der Grundbesitzer, der sie besonders auf dem Lande sich vorzugsweise gewidmet haben" (p. 74). In Wirklichkeit haben sich die Dinge gerade in der entgegengesetzten Richtung entwickelt Die Bauernbefreiung hatte keineswegs die „Verarmung des Adels" zur Folge, sondern sie (die Bauernbefreiung) wurde eben von denjenigen Grundbesitzern gewünscht und durchgeführt, die mit den Leistungen der Leibeigenen nicht mehr den erhofften Ertrag auf ihren Gütern erzielen konnten; der Raubbau mit der Arbeitskraft der unfreien Bauern nahm sein Ende, viele Grundbesitzer fürchteten darum den Ruin ihrer Güter und meinten ganz richtig, daß der freie Bauer auf eigenem Grund und Boden viel mehr zu erzielen imstande wäre. Diese verarmten Grund- *) „Die Juden und das Wirtschaftsleben" p. 463.