Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Alljüdische Probleme und der Sozialismus
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 161 (sequence 6)
- Language
- German
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160 B. Borochow, Alljüdische Probleme und der Sozialismus, Wir setzen voraus, daß das Judentum eine Kollektivität, einen kontinuierlichen, in Raum und Zeit einheitlichen Organismus vorstellt, dessen organischer Zusammenhang zwar mangelhaft, in mancher Hinsicht auch lückenhaft ist, aber keineswegs aufgelöst oder imaginär. Wir setzen voraus, daß es eine jüdische Nation überall und zu allen Zeiten gibt, wo das kollektive jüdische Gemeinleben auf welche Weise auch immer sich äußert Das möchten wir allen nationalistischen Fanatikern laut ins Ohr schreien: es gibt ein jüdisches Nationalleben, und wir brauchen nicht erst eines zu schaffen! Es ist eine Masse von alljüdischen und teiljüdischen Aufgaben vorhanden, deren Erfüllung das Denken und Tun vieler Nationen zu bestimmen und zu beherrschen vermag. Wir dürfen auf erdichtete und aufgebauschte Probleme leichten Herzens verzichten. Nun gehen wir zum Thema — alljüdischer Sozialismus oder, was dasselbe ist, sozialistischerZionismus — über. Zwei große Bewegungen und Kulturideale hat die Neuzeit dem jüdischen Volke gebracht: die der nationalen Wiedergeburt und des sozialen Klassenkampfes. Heutzutage ist auch für die Zurückgebliebenen klar, daß die Entwicklungsbedürfnisse des Volkes eine enge Verbindung der nationalen und sozialen Bewegung erheischen und bedingen. Schon die primitivsten wirtschaftlichen Kämpfe der Arbeiter gegen die Unternehmer, diese scheinbar nur von dem Gedanken der Lohnsteigerung um eine Mark per Woche beherrschten Streiks und Boykottbewegungen, erscheinen in Wirklichkeit als Prozesse von erheblicher massenhygienischer Tragweite, Die gesundende Wirkung der erhöhten Löhne, der verlängerten Ruhezeit, die organisierende und disziplinierende, sittlich-erzieherische Macht der gewerkschaftlichen Aktion erheben dieselbe zu einem der wirksamsten Kulturfaktoren. Während der wirtschaftliche Kampf des Proletariats einerseits die ungeregelte Ausbeutung dämpft, welche sonst die ganze Volksexistenz zu gefährden vermochte, steigen andererseits gleichzeitig die geistigen Forderungen der Massen, und es eröffnen sich neue Absatzmärkte für die Produkte nationaler Kultur. Auch die politische Betätigung der Massen bringt einen erfrischenden Geist in das gesellschaftliche Leben, indem die Arbeiterparteien der öffentlichen Korruption einen rücksichtslosen Widerstand entgegensetzen. Während die bürgerliche Politik immer mehr in Seichtigkeit, gedankenlosen Cliquenhader und persönliches Strebertum ausartet, wird die Sozialdemokratie die einzige Vertreterin wahrhafter Volksinteressen. Sowohl in ihrem Endziel als auch in den ununterbrochenen Gegenwartskämpfen, teilweise Zugeständnisse und Verbesserungen seitens der herrschenden Klasse erzwingend, bildet die Arbeiterbewegung den mächtigsten