Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Alljüdische Probleme und der Sozialismus
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 160 (sequence 5)
- Language
- German
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B. Borochow, Alljüdische Probleme und der Sozialismus. 159 zwei Jahrtausenden tot; nur in Palästina lebte es, und nur dort wird es zu einem neuen Leben erwachen. Ich gebe gerne zu, daß diese Schemata nicht mit allen Details und Schattierungen stimmen, daß die genannten Parteileute sich auch für die jüdische Geschichte interessieren und dieselbe als eine Art Vorspiel, Vorbereitung zu dem von ihnen aufzuführenden echten Spiel auffassen. Diese Teilung der Geschichte aber verursacht eine auffallende Sterilität sämtlicher Parteien im Judentum, die zugunsten ihrer einseitigen Zukunftsträumereien den lebendigen Kontakt mit den Volksmassen verlieren und alles hartnäckig vernachlässigen, was nicht in den Rahmen ihrer Parteikonfession Platz findet. Alle möglichen Typen der Zerfleischung des organisch-lebendigen Gewebes der jüdischen Geschichte und Wirklichkeit nenne ich — nationalen Nihilismus. Fürwahr» es ist nur Nihilismus, wenn man die elementarsten und gerechtesten Volksnotwendigkeiten verschmäht, die krampfhaften Anstrengungen der Massen zum Licht und zu produktiver Arbeit verspottet. Wer die Existenz des jüdischen Volkes außerhalb beschränkter Parteirahmen und bestimmter Raum- oder Zeitgrenzen leugnet, begeht einen Hochverrat an der räumlich-zeitlichen Gänze und Unantastbarkeit der nationalen Werte. Die Einseitigkeit der nationalistischen Wertschätzung, ihr blinder Fanatismus, eng-parteiische Intoleranz haben in der letzten Zeit die jüdische Sache schwerer geschädigt, als alle Verfolgungen seitens der äußeren Feinde. Nicht der gegenseitige Haß der Parteien ist schädlich, sondern ihr gemeinsamer Haß gegen das Nicht-Programmäßige im Volke, gegen das Volk selbst. Wenn der Sozialismus das Bürgertum und die bürgerlichen Parteien bekämpft, — so ist das ganz normal, eine gesunde und zu begrüßende Erscheinung. Schädlich ist es aber, wenn die Sozialdemokratie solche Erscheinungen im jüdischen Leben, wie die Emigration, die landwirtschaftlichen Kolonisationsbestrebungen, den Drang nach Organisierung des Gemeindelebens, nur deswegen ignoriert, weil dieselben nicht so ganz bequem in das Parteiprogramm hineinpassen. Wenn die „Jiddischisten" mit den „Hebraisten" wegen der Sprachenfrage in den Haaren liegen, so ist es an und für sich ein ziemlich harmloser Zeitvertreib; gefährlich muß er aber unbedingt werden, sobald sie ihren Haß gegen die eine oder andere Sprache wenden. Mit einem Worte, der Nihilismus besteht nicht in der Parteilichkeit, auch nicht in dem Parteikampfe, wohl aber in dem Hasse der Parteien gegen alles Produktive und Lebensfähige im Volke, was nicht mit den engen Parteiinteressen im Einklang steht.