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Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 159

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Alljüdische Probleme und der Sozialismus
Date
1913-06-15
Page
Seite 159 (sequence 4)
Language
German
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158 B, Borochow, All jüdische Probleme und der Sozialismus, dieses innerlichen Streites eine Kluft zwischen den beiden Hauptteilen der Nation konstruieren. Es bedeutet eine gefährliche Übertreibung des Acherschen Standpunktes, wenn man dem Westjudentum jede Entwicklungsfähigkeit und jeden nationaljüdischer Wert abspricht oder gar verlangt, daß die Westjuden sich ihrer historisch erworbenen Eigenart entblößen. *) Suchen wir im Gegenteil alles Lebensfähige in unseren abendländischen Stammesgenossen eben in seiner Eigenart aufzubewahren. Die zweckmäßige und — ich möchte sagen — produktive Lösung der alljüdischen Aufgaben setzt eine Kooperation voraus, wo sich die den Westjuden eigentümliche Organisationsfähigkeit und politische Schulung mit der ostjüdischen Echtheit, Hingebungsfähigkeit und nationaler Selbstachtung verbinden. Es ist ohnehin eine komplizierte Frage, — in welchem Sinn und Umfang das Judentum als Nation gelten kann; die Formlosigkeit des jüdischen Nationallebens bereitet schon für sich unserer organisierenden Praxis ungeheure Schwierigkeiten. Wenn man aber noch obendrein das jüdische Volk in unzählige kleine Einheiten zerklüftet, so verschwindet jede wie immer geartete Möglichkeit einer produktiven nationalen Arbeit. Außer der räumlichen Zerklüftung des Judentums nach sozialen oder kulturpsychologischen Gruppierungen gibt es eine noch viel schlimmere, weil verborgene, verlarvte Art, das jüdische Volk zu atomisieren und zerstäuben. Ich meine die zeitliche Zersetzung, die sich darin äußert, daß sämtliche jüdische Parteijournalisten ohne Unterschied der Fraktionssynagoge die Geschichte unseres Volkes in echt-nationale und unechte Geschichtsepochen teilen. Die echte Geschichte beginnt für sie erst mit dem Zeitpunkt, wo die Verwirklichung des betreffenden Parteiprogramms anfängt. Für den orthodoxen Bundisten, dessen sozialdemokratische Unschuld von der zersetzenden Lebenserfahrung verschont wurde, beginnt die jüdische Geschichte erst mit 1897, wo der „allmächtige Bund" seine segensreiche Tätigkeit zu entfalten anfing; ehedem war alles Tohuwabohu, ein Chaos, ein bedauernswürdiges Vegetieren ohne Denken und Kampf. Für den orthodoxen Territorialisten existiert noch heutzutage keine Volksgeschichte: die wird erst von dem Momente anfangen, als die Ito ein geräumiges und leeres Territorium für die „breite Kolonisation" ausfindig gemacht haben wird. Für den rechtgläubigen Zionisten ist das jüdische Volk bereits seit *) Solche Wünsche wurden zwar unseres Wissens noch von niemandem theoretisch formuliert, aber die verächtliche Geringschätzung der „Westler* greift immer mehr um sich. Das ist ein Vorurteil, das nicht minder schädlich werden kann, als die bisherige Verachtung der ,Oestier' seitens der Westjuden.

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