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Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 158

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Alljüdische Probleme und der Sozialismus
Date
1913-06-15
Page
Seite 158 (sequence 3)
Language
German
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B. Borochow, Alljüdische Probleme und der Sozialismus. 157 Klassenbewußtseins" diene. Dieser banale „Grundsatz" befriedigt aber heutzutage nicht einmal die einfältigsten Gemüter. Deswegen haben sich einige Journalisten bequemen müssen, der abgeschmackten „Theorie" um jeden Preis eine angemessenere Form zu verschaffen. Einer der salonfähigsten Plauderer unter den jüdischen Sozialisten verstieg sich vor 21U Jahren zu der Naivität^ gleichzeitig alljüdische Sprachenprobleme zu bejahen und die Existenz der einheitlichen jüdischen Weltnation zu verneinen. Eine jüdische Nation gibt es nicht, es gibt mehrere jüdische Nationen; das Judentum ist tot, es lebt nur „Jargon", — so sprach der bundistische Konfusionär. Nach dessen Weisheit gibt es wohl eine gemeinsame Kulturaufgabe für die jüdischen Arbeiter wie die jüdische Bourgeoisie, — doch überschreitet diese Solidarität nicht die Grenzen zwischen Wladiwostok und Eydtkuhnen. Ernsteren Anlaß zur Verneinung alljüdischer Probleme kann jene Ansicht geben, die das gesamte Judentum in zwei feindlich gegenüberstehende Welten, die des Ost- und des Westjudentums, scheidet Dieser Dualismus stammt nicht von den sozialistischen Journalisten, sondern er wurde in seiner ursprünglichen, mehr synthetischen Form von keinem Geringeren als Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher) in die jüdische Ideologie hineingebracht Es handelt sich hier nicht nur um gewisse psychologische und kulturelle Unterschiede, die ja zwischen Aschkenasim und Sephardim, Imranim und Teimanim, zwischen „Polaken" und „Litwaken", Chassidim und Misnagdim gleichfalls existieren. Auch ist nicht die Rede von zufälligen Verhältnissen ökonomischer Konkurrenz oder wirtschaftlicher Abhängigkeit, die hie und da das friedliche Zusammenleben litauischer und polnischer, deutscher und ungarischer Juden ebenso wie einzelner Gruppen von Ost- und Westjuden zu trüben vermögen. Nein, den eigentlichen Kern des nationalen Dualitätproblems bildet der Streit um die Führerschaft innerhalb des Judentums und um das Repräsentanzrecht vor den Völkern nach außen. So gibt es an sich weder ein Westnoch ein Ostjudentum, es sei denn als verschiedene Teile eines und desselben völkischen Organismus. Der Kampf um die Macht ist ja nicht nur nach außen, sondern in der Hauptsache und vor allem nach innen gerichtet: das heißt aber, daß beide Teile innerhalb desselben Ganzen sich entwickeln, und der Kampf um die Macht einen gemeinsamen nationalen Boden voraussetzt Der Meister der jüdisch-nationalen Kulturkritik, Mathias Acher, hat als der erste diese Tatsache des Machtkampfes begriffen und die Verschiebung des kulturellen Schwerpunktes nach Osten entschieden betont. Es wäre aber gänzlich fehlgeschlagen, wollte man auf Grund

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