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Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 157

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Alljüdische Probleme und der Sozialismus
Date
1913-06-15
Page
Seite 157 (sequence 2)
Language
German
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156 B. Borochow, Alljüdische Probleme und der Sozialismus. immer räsonnierenden Geiste kaum irgendwelche tiefgreifende kulturkritische Aspirationen zumuten. Auch von den wertvollen Leistungen der jüdisch-bürgerlichen Kulturkritik kann der jüdische Sozialismus nur zu wenig profitieren. Von Achad-Haam und Hillel Zeitlin ganz abgesehen, die der sozialistischen Weltanschauung gänzlich fremd sind, bleibt auch Mathias Achers Gedankenwelt mit ihren Wandlungen in den Grenzen jener Ideologie, die über die sozialen Klassengegen* sätze hinwegzuschweben sich bemüht. Wir Sozialisten nennen diese Ideologie bürgerlich, trotzdem auch für uns klar ist, daß Achers schönste Hoffnungen und Visionen die künftigen jüdischen Schicksale mit denen der ganzen Menschheit aufs engste verknüpfen. Wir dürfen auch nicht übersehen, daß die bürgerliche Welt immer mehr der geistigen Sterilität verfällt. Für uns unterliegt es keinem Zweifel, daß das heroische Zeitalter der bürgerlichen Kulturkritik in Europa mit Nietzsche, Ibsen und Tolstoi abgeschlossen ist; und es ist mehr als zweifelhaft, daß das jüdische Bürgertum nach Achad-Haam und Acher in sich noch frische Kräfte zur Errichtung neuer Gedankenreiche finden könnte. Schon Zeitlins Hysterie kennzeichnet die Decadence der jüdisch-bürgerlichen Ideologie; die jüngsten leidenschaftlichen Anstrengungen Dr. Pasmaniks, der „Seele Israels" neue Energieinhalte einzuflößen, sind sichtbar gescheitert; Achad-Haam hat schon längst seine kraftvolle Stimme verloren, und Dr. Birnbaum behauptet, in der religiösen Überlieferung den Ruhepunkt seines jahrzehntelangen Ringens erlangt zu haben. Wenn es also richtig ist, daß die bürgerliche Kulturkritik im Judentum ihre Potenzen bereits ausgeschöpft hat, — so ist es Lebensinteresse für die jüdische Intelligenz, eine sozialistische Kulturkritik zu schaffen. Wir brauchen lebensfähige Kulturideale; daher tut es einer sozialistischen Kulturkritik im jüdischen Volke not. Solange aber der jüdische Sozialismus mit den alljüdischen Problemen nicht fertig ist, ist eine solche Kulturkritik nicht möglich, und unser nationaler Gedanke zur Stagnation verurteilt; wenn dem so ist, so bleibt unser Verlangen nach Klarheit und Ernst auf die banale Weisheit der Journalisten angewiesen. ist eine allbekannte Tatsache, daß die herrschende Journalistenweisheit im Sozialismus die Existenz alljüdischer Probleme überhaupt in Abrede stellt. Gewöhnlich geschieht dies in der Weise, daß man als „Axiom" behauptet, es gebe keine einheitliche jüdische Nation, sondern bloß Millionen von einzelnen Juden, die verschiedenen sozialen Gruppierungen der Menschheit angehören. Nur Arbeiter und Kapitalisten seien Wirklichkeiten, alles andere lauter Fiktion oder Überlieferung, die im Sterben begriffen sei und einzig der „Verdunkelung des

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