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Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 156

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Alljüdische Probleme und der Sozialismus
Date
1913-06-15
Page
Seite 156 (sequence 1)
Language
German
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B. Borochow, Alljüdische Probleme und der Sozialismus. 155 Alljüdische Probleme und der Sozialismus. Von B. Borochow* Es ist leider selbstverständlich, daß die alljüdischen Probleme vorwiegend von journalistischer Seite und aluf die übliche oberflächlich-subjektivistische Weise behandelt werden. In sozialistischen wie in bürgerlichen Kreisen, in jüdisch-nationalen wie in halb-assimilatorischen herrscht in bezug auf diese Probleme ein phrasenhafter, parteiprahlerischer Ton. Jene Probleme, denen die betreffende Partei oder Person nicht gewachsen ist, werden von derselben ganz einfach boykottiert. Den unzähligen jüdischen Journalisten ist es nie daran gelegen, der jüdischen Sache als solcher gerecht zu werden; sie kümmern sich lediglich um die Gewinnung neuer angeblicher „Tatsachen*' und nichtssagender „Beweise" zur wiederholten Rechtfertigung der betreffenden Parteidoktrin oder des persönlichen Steckenpferdes. Dies ist aber auch bei allen anderen Nationen der Fall, und wir brauchten uns nicht dabei aufzuhalten, wenn nicht die allbekannten Anomalien des jüdischen Lebens eine ganz besondere Schwäche unserer öffentlichen Ideologie verursacht hätten. Denn zur Verfügung der jüdischen Öffentlichkeit steht keine ernste Kulturkritik und keine wissenschaftliche Geschichtsphilosophie. Insbesondere leidet der jüdische Sozialismus daran. Der bürgerliche Nationalismus im Judentum hat zumindest ein paar erstklassige Kräfte auf dem Gebiete der Kulturkritik aufzuweisen. Die bürgerliche Palästina-Ideologie hat einen Achad-Haam, die bürgerliche Kultur-Renaisance einen Mathias Acher, die national-religiöse Mystik — einen Hillel Zeitlin. Das sind alles oder waren große Kulturkritiker mit prophetischem Schwung und unerreichbarer Schärfe der ätzenden Analyse, hervorragende Denker voll Temperament und Geist. Der jüdische Sozialismus gehört aber vorläufig zu den ideenärmsten Strömungen der Welt. Wir haben sozialistische Journalisten, manchmal ziemlich talentierte, aber keine sozialistische Kulturkritik. Was innerhalb ganz anderer sozialer Bedingungen und Umgebungen auf dem Gebiete der sozialistischen Kulturkritik von Saint-Simon und Fourier, Owen und William Morris, Marx und Lasalle, Plechanoff und Bogdanoff geleistet worden war, das haben unsere Sozialisten ohne jede Kritik meistens ganz verständnislos auf die jüdische Wirklichkeit unbeachtet ihrer spezifischen Eigentümlichkeiten übertragen, — und dazu noch in einer schlechten Übersetzung! Was aber den fast einzigen ernsten Vertreter jüdisch-sozialistischer Publizistik, Dr. Chajim Zhitlowsky, betrifft, so kann man diesem sanften, eklektischen,

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