Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 154 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Scholem Asch, Jerusalem 153 nischen für den wilden Asiaten und Afrikaner, sei es in der halb jüdisch-traditionellen für die biederen Oermanen und Goten, sei es in der heidnischen der Orthodoxie für die einstige griechische Welt, sei es in der mystischen, poetischen des Katholizismus für die römische Welt. Ueberall erklingt die Idee des göttlichen Jerusalem wie ein großes Triumphlied. Nicht bloß die nackte Idee, sondern die Ethik Abrahams beherrscht die Welt. Kaum wird sie von Rom vergessen — als sich der Katholizismus des päpstlichen Hofes in der Renaissance dem Griechen- und Römertum zuwendet — da erinnert ein Luther, ein Calvin die Welt an die Idee des „Gottes Abrahams". Luthers Ethik ist die Bibel, und mit der Kraft der Bibel begann er den Kampf gegen Rom. Die anglosächsische Rasse lebt nach den Begriffen der Bibel. Das Leben der englischen Kolonisten Amerikas und der holländischen Bauern Afrikas vollzieht sich nach der Ethik der Bibel. Ein Jefferson, Washington, Lincoln, der Burenpräsident Krüger sind nicht den Helden des neuen, sondern des alten Testaments ähnlich. Die Erklärung der amerikanischen Unabhängigkeit trägt den Ton der Bibel. Und seit der Emanzipation der Juden spricht der „Gott Abrahams" in alle Gebiete der Welt hinein — sei es durch getaufte Juden, Judenstämmlinge oder durch wahre, fromme Juden (Beaconsfield, Marx, Ehrlich, Hermann Cohen, Spinoza, Heine, Cremieux oder Israels). In allen, den Ganz- und Halbgetauften, den Treuen, in den nur von Juden Stammenden, überall schlägt, bewußt oder unbewußt, der Puls des „Gottes Abrahams", seine Moral, seine Ethik. Und auch in solchen, die überhaupt keine Juden sind, aber vom Geiste und den Anschauungen des Judentums durchdrungen sind, wie Rembrandt. Unsere Feinde haben dafür einen Namen gefunden: Judaismus. Für alles, was vom Geist des Juden stammt, den Sieg des Guten über das Schlechte, das Gewissen Europas, das Gewissen der Welt. Mit dem Verlust des Glaubens hat der Jude auch die Idee des göttlichen Jerusalems verloren. Fühlt nicht mehr den Pulsschlag des „Gottes Abrahams" im Weltatem. Sieht nicht die Schönheit des jüdischen Festtags, des jüdischen Schabbes, des tausendjährigen messianischen Erbes, der Sehnsucht. Seine Nacktheit läßt ihn sich nach Form sehnen. Nicht um seine eigene Form, die er sich in tausendjähriger Existenz geschaffen, zu verschönern, die Form, in welche unser Sein gegossen ist, das Bewußtsein von der großen Rolle des Judentums, um auf diesem Bewußtsein die Zukunft zu bauen, mit Stolz dem Feinde ins Auge zu schauen und die jüdische Fahne zwischen den Völkern der Welt zu tragen mit überzeugtem Glauben, daß