Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 155 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Scholem Asch, Jerusalem, sie für die gerechte Sache kämpfte und ihren Anteil zum Reichtum der Welt gefügt hat Die Nacktheit begnügte sich nicht mit der bloßen Idee des göttlichen Jerusalems — sie sucht auch ein menschliches zu bauen. Gewiß! Wir sind die letzten, die sich mit einer bloßen Idee begnügen wollen, mit bloßem Stolz. Für unsere Eltern war das göttliche Jerusalem der Glaube, für uns ist es nur ein Stolz, ein goldener Schrank, ein Adelsbrief, der jedem Juden Adel verleiht. Und wir suchen Form, Und wir wollen sie finden in der Form, in der sie das tausendjährige Leben der Diaspora schon entwickelt hat, doch in lebendiger, moderner Form, wie es das heutige jüdische Leben verlangt Jedes Geschlecht hat seine Zeit und jedes schafft seine Güter. Und die Idee des göttlichen Jerusalems, der Glaube an den Gott Abrahams, der Stolz auf die jüdische Fahne sind schon oft erprobte Garantien für unsere Erhaltung — bis die Zeit kommt, da der Mensch schlechthin auf Erden sein, da es nicht Bürger eines Landes, sondern Bürger der Welt geben, da man die Grenzen vernichten, das Schwert zur Pflugschar umschmieden, und da man den Reichtum der Menschen nicht nach Kanonen, sondern nach Ideen berechnen wird und die Völker nach dem Reichtum, mit dem sie das allgemeine Gut gemehrt haben. Und dann werden wir eines der reichsten Völker der Welt sein. „Seht, wir haben unser Los an das Los der Welt geknüpft Ihre Zukunft ist die unsere — und wenn wir für uns arbeiten, arbeiten wir für die Allgemeinheit, das ist das göttliche Jerusalem." Verachtet das Golus nicht, denn ohne das Exil sind wir garnichts, und alles, was wir haben, haben wir vom Golus genommen. Ein tausendjähriges Volk mit tausendjähriger Geschichte beginnt nicht erst von gestern, wie nackte Wüde und Zigeunervölker. Kein einziger Tag im Leben eines Menschen geht verloren, und sicherlich nicht im Leben eines Volkes, wenn dieses Volk Israel ist! Eingewurzelt haben wir uns im Golus, es hat uns geadelt und geläutert und hat uns größer gemacht. Und wenn es ein menschliches Jerusalem geben soll — so soll es dem Golus dienen. Wir sind nicht für Jerusalem, sondern Jerusalem ist für uns geschaffen worden, ein Gut im ganzen Gut — und es muß mit dem Golus verbunden sein, anzunehmen die Formen in der Sprache, in der das jüdische Volk in der Diaspora lebt — nur dann verbinden wir uns mit dem göttlichen Jerusalem — denn ohne das Golus sind wir garnichts, die Aermsten der Armen, ärmer als unsere Nachbarn! Das menschliche Jerusalem — ist gar nichts. Das göttliche — die Welt! (Aus dem jiddischen Manuskript übersetzt).