Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 153 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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152 Scholem Asch, Jerusalem. bundenen Gebote" zu ermöglichen* Aber Jerusalem hat nichts mehr zu sagen und zu entscheiden. Die Thora ist vollendet. Sie ist auf Pergament geschrieben; überall, wo sie mit den Juden ist, kann man sie lernen und predigen. Und wir leben heute mehr mit den in Pumbeditha als in Palästina entstandenen Kommentaren . . . Die äußeren Merkmale, die jedem Volke als Merkmale seiner Nationalität dienen, wie Land, Sprache, politische Freiheit — hören bei den Juden auf. Land? Nur eine kleine Anzahl ging nach Palästina zurück* Es waren nicht die besten. Und wenn ein Jude aus der fernen Provinz nach Jerusalem pilgert, so kommt er nicht nach Jerusalem als Territorium, sondern zum Heiligtum, um zu opfern. — Sprache? Iii Babylon ließen sie ihre schöne Sprache und kamen mit aramäischem „Jargon" zurück, Esra und Nehemia stehen mit ihren Schwertern an Jerusalems Toren, um die fremden Frauen und Kinder zu vertreiben, nicht die fremde Sprache, die die Juden aus Babel mitgebracht hatten. Nein, die fremde Sprache wird in die heiligen Schriften aufgenommen (Daniel und Esra). — Politik? — Wozu? Wofür? Es gibt Größeres, Höheres. Ein Netz von Streitigkeiten ist Jerusalem geworden, von Parteien, von Zänkereien. Mit zitternder Ehrfurcht kommt der galiläische Bauer gepilgert Gottesfurcht erfaßt ihn, wenn er von weitem das Heiligtum erblickt. Voll Verwunderung sieht er die Alltagsgleichgültigkeit des Jerusalem er Volks gegen Jerusalem selbst (Rom ist die unfrömmste Stadt der Welt), Jerusalem ist voll von Klatsch und Kleinlichkeit. Das innerliche Judentum wird in Pumbeditha geschaffen, das äußerliche, die Vorbereitung der Heidenwelt zum Verständnis der Idee von einem lebendigen Gotte wird von Alexandria aus verbreitet . . . Und mit dem Falle des menschlichen Jerusalems geht das göttliche noch keineswegs unter. „Gott hat seinen Zorn nur über Holz und Stein ergossen" — das Judentum als Idee geht von Jerusalem nach Jahne über Statt der Blutopfer entstanden die schönen jüdischen Gebete. Statt des kleinen Jerusalems voll Zanks entstand die große Sehnsucht nach einem großen und universalen Jerusalem. Statt der Herrschaft einer halbheidnischen, fremden Dynastie entstand die Idee des Königs Messias, der kommen wird, die ganze Welt zu befreien. Aus dem Heiligtum — die züchtige jüdische Schul, der schöne jüdische Schabbes, die schönen jüdischen Feiertage. Und wenn wir auf den Gang der Weltgeschichte achten, dann spüren wir den Atem des „Gottes Abrahams", wie er von einem Ende der Welt zum anderen haucht. Jedes Volk nimmt den „Gott Abrahams" in der seinem Charakter gemäßen Form an, sei es in der phantastischen, sinnlichen mohammeda-