Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 149 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Scholem Asch, Jerusalem. da genügten ihm die Spielereien der kindlichen Phantasie nicht mehr: Er begann das Wesen, das Geheimnis von Allem zu suchen und konnte keinen anderen Weg finden als den der Idee Gottes, des Gottes Abrahams. In jüdischen Büchern will man die griechische Kultur mit der Materie, die jüdische mit dem Geiste vergleichen. Ist die griechische Kultur Materie? Ist die Venus von Milo Materie? Ist die griechische Plastik des fünften vorchristlichen Jahrhunderts Materie? Ist die Mythologie Materie? Das Gegenteil ist der Fall; sie sind unmateriell Geist, aus dem schwersten Material geschaffen. — Nein, die griechische Kultur ist das fröhliche, sonnige Lachen des Kindes, der Jugend, die Schönheit um sich herum sucht und sich damit begnügt und daran glaubt. Das Paradies der griechischen Mythologie konnte nur der Menschengeist in seiner Jugend schaffen. Wie die Blumenphantasie eines Kindes erscheint uns das schöne Götterspiel der Mythologie. Nicht schrecklich sind die Götter — die Naturkräfte werden in menschenähnliche Gestalten, von Menschen mit Künstleraugen gesehen, verkleidet Größer und leichter als der Mensch, aber mit seinen Schwächen und Menschlichkeiten. Die Götter der Griechen wohnen nicht im Himmel — auf der Erde, unter Menschen, wohnen sie. — Der Himmel, das ist das ewige Geheimnis für den Menschen; die Erde ist ihm viel verständlicher; — und daher ließ der junge Menschengeist seine Götter auf dem Olymp wohnen, tändelte mit ihnen wie mit Nahestehenden und verstand sie, weil er sie mit dem, was er selbst besaß, beschenkt hatte, mit seiner Menschlichkeit. Doch lange konnte der ewige Sucher, der ewige Grübler, der Menschengeist nicht bei seinen Jugendphantasien bleiben. Er suchte eine tiefere Antwort auf das Geheimnis der Welt Die Antworten eines Sokrates, eines Plato konnten nur jene Schöngeister zufriedenstellen, die Sokrates' Gesprächen auf der Gasse zuhörten und einem Plato lauschen wollten; aber für die große, weite Welt, für ganz Kleinasien, das vom griechischen Geist erobert war, für den gewöhnlichen frommen Geist, der seinen Jugendphantasien entwachsen war und die Antwort auf die Frage: „Wer ist Gott?" zu suchen begann — erstrahlt plötzlich wie ein großes Licht die Uebersetzung der Bibel ins Griechische durch die Septuaginta, verbreitet Philo die Ideen des Judentums von Alexandrien aus. Ein verkleideter Jude prophezeit aus Sibyllenmund den Untergang des Heidentums. Und bald tut die Uebersetzung der Bibel ihre Wunder. Ganze Scharen von Heiden ziehen nach Jerusalem und nach Babylon, suchen auf den Schwellen der Lehrhäuser Gottes Wort zu vernehmen, wollen von den „Flügeln der Gottesherrlichkeit" bedeckt werden. Doch von jüdischer Seite erwartet sie keine