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Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 148

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Jerusalem
Date
1913-06-15
Page
Seite 148 (sequence 2)
Language
German
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Scholem Asch, Jerusalem, 147 So sah das „menschliche Jerusalem" aus — ein kleines, ungeschicktes Land, ein schmaler Streifen, hineingeworfen zwischen die Völker der Welt, zwischen die beiden Weltherrschaften Assyriens und Aegyptens. Verzehrt von seinen Feinden, von einer Hand zur andern geworfen; benutzt zur Verpflegung der Völker, die auf ihren Kriegszügen hindurchkamen. Ein trauriges und unbedeutendes Leben, das nichts nach seinem Tode hinterließ: Keinen großen Eindruck auf die Geschichte, kein Andenken in der Kunst Denn „nicht durchs Schwert und nicht durch Gewalt, sondern durch den Geist Gottes . . ." Der „Geist Gottes" — das ist das „göttliche Jerusalem". Und in der Tat, wenn wir die Weltgeschichte prüfen, bemerken wir, daß, ebenso wie das „menschliche Jerusalem" gar nicht in die Weltereignisse eingriff, das „göttliche Jerusalem" wie Gottes Geist auf alle Taten der Welt einwirkt. Das „göttliche Jerusalem" ist die Seele, die die Weltgeschehnisse belebt und antreibt. Eine Seele sieht man zwar nicht, doch man fühlt den Hauch der Seele. Eigentlich gibt es im Weltgeist nur zwei schöpferische Kulturen: Die jüdische und die griechische. Die Römer haben nicht viel zum Reichtum des menschlichen Schaffens beigetragen. Außer im Rechtskodex und in der Strategik (auch im letzteren gute Schüler und Nachahmer der Griechen) kennt sie der Menschengeist nicht. In der Kunst? Da waren sie schlechte Nachahmer der Griechen. Nie erreichten sie deren Höhe: ihren Skulpturen fehlt die Seele, die Leichtigkeit, der Geist der griechischen. Sie sind Materie. Die Literatur haben sie mit nichts, außer mit Zynismus — und zwar ohne den Geist des Griechentums — bereichert; — kann man Virgil mit Homer vergleichen? Wie manche wollen, findet man bei ihnen originelle Malerei (Pompeji) — aber man vergleiche doch die pompejanische Malerei mit der griechischen Vasenmalerei! Jedenfalls ist nicht die römische, sondern die griechische Kultur das Symbol der heidnischen geworden. Die römische Kultur ist nur eine weitergebildete Nachahmung der griechischen, wie das Christentum eine des Judentums ist. Der Genius des Menschen hat demnach zwei Zweige, zwei Kulturen geschaffen, die jüdische und die griechische. Bei ihrer Betrachtung sieht man, daß die griechische Kultur das Erzeugnis des Kindes, die jüdische das Erzeugnis des Mannes ist. Jede Zeit des Jahres bringt ihre Früchte. So ist es auch beim Geiste. Als der Menschengeist jung war, schuf er sich die griechischen Mythen und die griechische Schönheit und betete sie an — als er älter wurde, zum Manne reifte,

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