Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Sprachadel
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 145 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Dr. Nathan Birnbaum, SprachadeL erlauben, warum sie nicht dieselben Sünden sollten begehen dürfen, die die anderen ebenso begehen? Inwiefern sind sie denn schlimmer als jene, denen irgend ein hebräisches FeuilletÖnchen oder irgend eine hebräische Uebersetzung, — sagen wir meinetwegen von Zola's „Germinal", — wichtiger ist als etwa die ganze Bibel? Kranken nicht beide Intelligenzparteien an demselben Uebel? Sind nicht beide Opfer eines und desselben Giftes, — jenes Giftes, das vor hundert Jahren ein Heiltrank, ein Lebenselixier, ein Kräftespender zu sein schien, dann aber sich immer mehr als Gift, als Tod, als Kräfteverzehrer erwies? Haben sie nicht beide an demselben trockenen, platten und unfruchtbaren Rationalismus zu tragen? Gewiß, ein Unterschied ist da: Die Freunde der jüdischen Sprache haben wenigstens den Weg des Lebens, des Volkslebens beschritten. Und da ist es fast nicht möglich, daß sie der Volksseele nicht begegnen sollten. Da müssen sie dem tiefen Sinn der jüdischen Geschichte immer näher kommen. Da müssen sie immer fähiger werden, das jüdische Volk als ein nicht zufälliges, als das Volk von einer inneren geschichtlichen Ideenbedeutung zu erkennen, — und nicht nur zu erkennen, sondern auch zusammen mit dem Volke jene praktischen Kräfte zu entwickeln, die die neuen Werke, die neuen Wunder, die neuen Weltsiege des alten, zentralen jüdischen Gedankens schaffen sollen. Die anderen dagegen, die die jüdische Sprache hassen oder — mit mehr oder weniger Wut oder mit mehr oder weniger Klugheit — wenigstens von ihr abrücken, die da laut oder leise die sonderbare Losung ausgeben: „Hebräisch oder Russisch" — sie haben überhaupt keine klare Vorstellung, noch eine Ahnung von einem zentralen jüdischen Gedanken. Meist sind es gewöhnliche, trockene Rationalisten, die sich mit gewöhnlichen rationalistischen Glückstreffern begnügen. Und wenn sich schon welche unter ihnen finden, die weiter denken, dann denken sie Treibhausgedanken, Gedanken für kleine Klüngel, Gedanken, die nicht aus der Seele des Volkes stammen und daher ins Lebensblut des Volkes, aus dem sie wieder als große, neue, konkrete Schöpfungen hervorbrechen sollen, nicht zurückfinden. Ihre Gedanken haben keinen Weg, weil sie selbst sich ihn versperrten, weil sie vom Volke sich trennten, — ihre eigene Gegenwart von der Vergangenheit und Zukunft absonderten . . . Indem ich aber von diesen feineren Feinden, Verächtern und Belächlem der jüdischen Sprache spreche, — die wenigstens verstehen, daß es mit bloßen Schmähungen gegen Jüdisch und leeren Demonstrationen für Hebräisch nicht getan sei — erinnere ich mich an eine Gruppe unter ihnen, zu welcher ich