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Die Freistatt · 1913-06-15 · Heft 3 (15.6.1913) · p. Seite 141

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 3 (15.6.1913)
Article
Sprachadel
Date
1913-06-15
Page
Seite 141 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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140 Dr. Nathan Birnbaum, Sprachadel wieder zurück zum Volk. Sie können's aber nicht, es führt kein Weg über den Abgrund In ihrer Not versuchen sie es mit dem Herüberspringen, bleiben aber in der Luft schweben. Sie fassen nicht, was die Intelligenz der anderen Völker schließlich doch immer faßt, daß, wer in die Seele des Volkes dringen will, sich von seiner Sprache nicht lossagen darf, sondern ihr in Liebe und Treue zugetan sein muß. Sie beachten auch nicht das Beispiel, das ihnen unsere frühere Intelligenz, die rabbinische der letzten Jahrhunderte, gibt. Die hätte ja zu einer Zeit, da das Jüdische noch nicht das war, was es heute ist, nach der üblichen Intelligenz-Manier sozusagen noch das Recht gehabt, sich von der Allgemeinheit abzusondern, — tat es aber nicht, sondern sprach jüdisch, zusammen mit dem ganzen Volke, und lernte und lehrte die Gegenstände der damaligen Schule in jüdischer Sprache. Und ich glaube, daß das, was jenen recht war, die um der Sache wegen studierten, soviel Schärfe und Zucht des Geistes bewiesen, ein greifbares, starkes und gesundes Judentum besaßen, — doch wahrlich auch unseren heutigen Zwergen der Examina und Karriere, des Papageientums und der jüdischen Schattenhaftigkeit billig sein müßte. Daß sich aber das Jüdische heute nicht mehr mit der Rolle begnügt, die es in der Zeit der alten Intelligenz gespielt hat, sondern einen breiteren Spielraum und einen selbständigeren Platz im Gesamtheits- und geistigen Leben des jüdischen Volkes beansprucht, — hat seinen Grund wahrlich nicht in ein paar eigensinnigen Menschen, die über die Stränge hauen wollen, sondern im Volksleben selbst, das größer, breiter und selbstständiger geworden ist. Unsere heutigen Intelligenzler halten Jüdisch für nicht schön genug .... Und doch, wenn ihre Mütter vom Sabbat Abschied nehmen, — wie zart, wie weich, wie lieb das Gebet aus ihrem Munde kommt! Wenn das jüdische Kind mit seinem silbernen Stimmchen jüdisch spricht, wie herzig, fein und rein das klingt! Wenn ein begabter Maggid seine Predigt hält, wie fein er die Worte zu runden und zu schnitzen weiß! Wenn man Mendale, Perez und Bialik *) liest, wie wirken sie bald so innig und mild, bald so stark und groß! Wenn man jüdische Lieder singt, wie schmelzen sie in die Seele hinein und tun eine Welt von Schönheit und Heiligkeit auf! ...» Und dann — gibt es denn nicht genug Sprachen, und gerade der bekanntesten Volker, deren Schönheit nicht mit ihren Klängen *). Hervorragende Dichter in jüdischer Sprache* Bialik ist in erster Linie hebräischer Dichter und als solcher berühmt. Aber gerade auch seine paar jüdischen Sachen gehören zu dem Besten, was in jüdischer Sprache geschrieben ist.

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