Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Sprachadel
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 140 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Nathan Birnbaum, Sprachadel. 139 Nun halte ich diese Meinung für unrichtig, weil ich überhaupt das ewige Anrecht irgend einer Sprache oder irgend eines Sprachstammes auf irgend ein Volk nicht anerkenne, und weil ich nicht glaube, daß fremde Wörter nicht zu eigenen werden können, wenn sich ihnen der Sondergeist des Volkes mitteilt und aus ihnen ein neues, eigenes Sprachbild schafft. Ich bedauere die rationalistisch erstarrten Augen, mit welchen diese Menschen auf das siedende und schaffende Leben schauen. Ich sehe, wie sie ihr subjektives Gefühl den objektiven Tatsachen unterzuschieben versuchen, wie sie die große Wahrheit nicht fühlen, die der große Norweger Björnson in einer seiner Reden in folgende einfache Worte gekleidet hat: „Bei einer Sprache fragt man nicht nach ihrem Adelsbrief. Es ist ihr schönster Adel, daß sie lebt, und daß so und soviele Menschen sie sprechen." Trotzdem habe ich vor ihrer Meinung, wenn sie nur ehrlich ist, Respekt. Ist sie das aber nicht — und ich nehme für die überwiegende Mehrzahl aller Fälle unbewußte Unehrlichkeit an — dann kann ich mich zu ihr nicht anders verhalten, wie zu allen Schwachheiten des menschlichen Geistes und Charakters, die nicht daheim bleiben wollen, sondern mit gewissen Prätensionen ins öffentliche Leben treten. Dann komme ich mit klaren Worten an sie heran und ohne allen Respekt* Jüdisch sei nur eine Sprache für Pöbel-Bedürfnisse, sagen sie, eine niedrige Sprache, ohne Schönheit und Feinheit, ohne eine Spur von Adel . . . Wem außer sich selber wollen sie einreden, daß sie ob dieser seiner angeblichen Eigenschaften Jüdisch nicht mögen? Wäre Jüdisch nur nicht die Sprache ihrer Eltern, ihrer Schwestern und Brüder, die ihnen soviel Widerwillen einjagen, die aber wahrlich stärkere, ganzere, vollere Menschen als sie sind; hätte Jüdisch nur einen guten Namen in der Welt; hätten sie nur nicht solche Angst vor der christlichen Welt, daß sie lachen könnte; kurz, wären sie tatsächlich unsere Intelligenzler, — dann würde ihnen Jüdisch sicherlich gefallen. Aber das ist ja das Unglück, daß sie in ihrer ganzen Lebensführung dem Volke so sehr entfremdet wurden, und daß erst diese Entfremdung ihren allgemeinen Intelligenzler-Hochmut entfacht und so stark und beharrlich gemacht hat, wie er wohl kaum bei einem anderen Volke zu finden ist Das ist ja das Unglück, daß sie mit einem schrecklichen Abgrund in Herz und in Kopf, der sie von ihrem Volke trennt, schon geboren wurden. Nun stehen sie auf einer Seite des Abgrundes, und das Volk auf der anderen, und kein Weg führt hinüber. Und das Volk steht und wartet. Sie aber entschließen sich, den Abgrund zu fliehen, zu anderen Völkern davonzulaufen. Doch bald überlegt sich's ein Teil und will