Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Sprachadel
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 139 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Dr. Nathan Birnbaum, Sprachadel für das jüdische Volk gibt, diese nur von jenen neun Millionen Ostjuden kommen kann, die nicht blutarm und nicht verschlafen und nicht exotisch, die keine entjudeten Europäer und keine welken Orientalen, sondern einfach lebende Juden sind, denen das Leben, das jüdische Leben aus Worten und Taten sprießt und spritzt? Wann werden die Verblendeten aufhören, nach allerhand europäischem und orientalischem Adel zu fahnden und beginnen, den wahren Adel zu sehen? Und wann werden sie begreifen lernen, daß die Sprache dieses Adels nicht anders als adelig sein kann? Ich sehe ein Lächeln auf klugen Rationalisten-Lippen: Adelig? Die Sprache der Mägde, der Arbeiter, der Krämer, der ungebildeten Massen überhaupt, die Sprache der Werkstätten und des Marktes, die grobe und ungeschlachte, die Sprache, die die intelligenten Klassen des Volkes nicht in den Mund nehmen — und adelig?! .... Ja, warum denn nicht? — möchte ich gegenfragen? Hatten denn nicht viele Sprachen dasselbe Schicksal? Deutsch ist doch sicherlich eine wahre, edle und adelige Sprache, und doch ist es noch gar nicht lange her, daß sich die deutschen Intelligenzler ihrer nicht bedienten, sie für unfähig erachteten, feinere Gefühle und tiefere Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Und wer weiß es nicht, daß die intelligenten und überhaupt die höheren Klassen aller Völker aus lauter Hochmut gerne vergessen, daß der ganze Prozeß kulturellen Schaffens von jenen Reservoiren ausgeht, die man Volk nennt, und daß sich dort die ersten Anzeichen jedes neuen Lebens im Volke zeigen müssen? Und wer weiß schließlich nicht, daß sich die Intelligenz später, wenn ihr der neue Strom schon bis an den Hals geht, regelmäßig doch bequemt, mit ihm zu schwimmen? Allerdings liegen die Dinge bei uns doch nicht ganz so wie bei den anderen Völkern- Bei diesen kommt ein Abfall der Intelligenz von der Sprache des eigenen Volkes nur in Zeiten vor, in denen man von nationaler Auferstehung und insbesondere von Sprach- und Literatur-Interessen noch nichts spricht und noch nichts merkt Unsere Intelligenzler aber sind in eben derselben Zeit, in der sie sich vom Jüdischen lossagen, mit nationalen Plänen und Aktionen beschäftigt. Und weist man sie auf den Widerspruch hin, antworten sie, — die einen mit ruhigen, besonnenen Worten, die anderen in Aufregung und mit Schimpfworten, — daß man das Jüdische denn doch nicht mit anderen Sprachen vergleichen könne. Denn Jüdisch sei ja nicht die eigentliche, eigene Sprache der Juden, sondern eine fremde Sprache, auf die viel Kräfte zu verwenden keinen Sinn habe.