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Die Freistatt · 1913-05-15 · Heft 2 (15.5.1913) · p. Seite 114

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 2 (15.5.1913)
Article
Capriccio
Date
1913-05-15
Page
Seite 114 (sequence 5)
Language
German
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114 Dr. A. Coralnik, Capriccio Reinheit des Lebenswandels, Lauterkeit der Gesinnung, höhere Sittlichkeit? Prophet! Siehst du nicht,- wie man uns zwingt, unser Bestes zu verleugnen? Wie man vor uns die Tore alles höheren, besseren Lebens absperrt? Wir sind doch auch Menschen, wollen leben, wachsen, uns von der Sonne bestrahlen lassen . . . War nicht Shylok ein Märtyrer, wie jene „zehn Märtyrer", die Rom hinrichten ließ? War er nicht ein Heiliger, den man zwang, verrucht zu werden? Jesaias, William Shakespeare hat die Tragik der entwürdigten Seele besser, tiefer verstanden. Und Shyloks Zwiegespräch mit Messer Antonio, der am Rialto ihn zweimal täglich einen Hund nannte, ihm ins Gesicht spie, ihn wie ein ekelhaftes Würmchen mit den bespornten Kavalierstiefeln trat und dann von ihm Gold sich erbat. Gold — das war, das ist unser Feind, der Erb- und Erzfeind Israels. Als sie in die Verbannung gingen, die Unbeugsamen, die sich vor keiner Menschenmacht beugen wollten, da waren die Juden Streiter Gottes, Gladiatoren der steilsten, utopistischsten, transzedentalsten Idee. Nicht Rabbi Chanina ben Tradjon allein wurde bei lebendigem Leibe verbrannt, in eine Thorarolle eingehüllt Zahllose Chaninas, Unbekannte, Bescheidene, Knechte des Herrn erlitten das langsame Thoramartyriüm, Vielleicht hat das tränennasse Pergament die Qualen verlängert, aber es hielt auch die endgültige Einäscherung auf. Und nun ist die Thorarolle getrocknet, trocken zum Bersten, zum Springen, Wir haben keinen Schutz mehr. Um so besser? Sollen die Flammen auflodern in wilder Lohe und uns verzehren? Dein Wille geschehe . , . Aber was ist dein Wille? Was will Gott von uns? . , . Ich werde dir dein Lied singen, Jeschajahu, das „Lied von der Rebe". Einen Weinberg hatte mein Freund, und er war sein Schatz. Und er bearbeitete ihn im Schweiße seines Angesichtes, pflegte die Stöcke, zog sorgsam und liebevoll die Pflänzchen auf. Doch die Rebe mißlang. War der Boden undankbar, war die Rebe störrig, war die Witterung feindlich? Wer weiß? Und was tat der Freund, der Herr des Weinbergs? Er zerstörte den Zaun, riß das Gehege nieder, ließ den Boden versanden, zu Stein werden, aus Rache, aus Unmut . . . Dieses Lied hattest du uns einmal mit deiner tönenden, aller Töne und Abtönungen mächtigen Zauber- und Werbestimme gesungen. Und wir glaubten an das Recht des grimmen Herrn des Weinbergs, an seine Gerechtigkeit, an seine Weisheit. Du hast uns das Ende, den Jubel, das neue Sammeln der Steine des Geheges, das neue, gesegnete Aufsprießen der schlanken, weinschweren, sinneberauschenden Rebe geweissagt. Nun sieh denn, Jeschajahu, wir glauben nicht mehr an dein Zauberwort und nicht mehr an die Gerechtigkeit des Zer-

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