Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Capriccio
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 113 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Dr. A. Coralnik, Capriccio 113 ein Reiterlied gesungen: „Tröstet, tröstet mein Volk, der Verkünder kommt. Seine Stimme hallt über die Berge . . Und wo blieb er? Warum kam er nicht, der Verkünder? Unser Veikünder? Oder? ... Ja, oder haben die recht, die da sagen, der Verkünder, von dem du sprachst, den du versprachst, sei gekommen, wir aber hätten ihn nicht erkannt? Ist es am Ende wahr, daß wir jetzt nichts mehr zu erwarten, nichts zu erleben haben — weil „alle Geschichte zweimal erlebt wurde, einmal im Judentum und dann im Christentum?" Also nichts mehr, nichts weiter, als hoffnungsloses Hindämmern und langsames Hinsiechen und Verkommen? Können Propheten höhnen? „Die Stimme des Verkünders" — wir hören sie nicht mehr. Haben sie nie deutlich gehört. Jedesmal, wo wir sie zu vernehmen glaubten, war es nur unser eigenes Echo, unser Seufzer, der in sturmmächtiger Verstärkung in den Raum hinaushallte, Jeschajahu ben Arnos, du warst der große Jude, der der Welt Norm und Ziele gab — Friede auf Erden, Liebe, Gerechtigkeit, Achtung vor dem Menschen, Einssein mit Gott, Heiligsein, und wir hätten die Träger dieser Gottessaat werden, sie über die Aecker streuen sollen und über die schwarzen Furchen. Aber sieh' — Sämänner gehen über die Erde, doch wir sind es nicht. Andere tun unsere Arbeit Wozu dann unser Leben, unsere Qual? Keine Hoffnung und nur Leiden? Kein Stolz und nur — wurmähnliches Kriechen und Sichkrümmen und Würdelosleben? Hat der „Verkünder" uns dieses Ende verkündet? O Seher und Segner, Dichter und Wahrheitsmann! Der ganzen Erde hast du wahr gesagt, allen Menschen galt dein Lächeln, warum sind wir allein nur des Zornes würdig? Wir allein — die Ausgeschlossenen, Ausgestoßenen? Prophet — du hast ein böses Spiel mit uns gespielt. Wären wir unsere Wege gegangen, hätten wir wie der Skarabäus von Aegypten und die Biene von Assur gelebt, wir wären heute keine Würmer. Vielleicht wären wir längst verschwunden, wie Mizraim und Assur. Vielleicht hätten wir einem neuen, starken, kraftstrotzenden und das Erdenrund beherrschenden Geschlecht Platz gemacht, und nur eine kaum merkbare Spur im Staub der Zeit hinterlassen. Oder wir wären wie Rom Gebieter geblieben. Du, Sohn Arnos', hast in uns den Mut zur Brutalität, zur Unmittelbarkeit des Welthinnehmens gebrochen. In uns Ideale gepflanzt, höhere Ziele, Sittlichkeit, die jenseits des Weltgetriebes ist, das Zerbrechen der Schwerter, das frohe Dienen einem „unbekannten Gott". Und nun frage ich, wie du Israel fragtest! Was will Gott von uns? Hingebung? Ist nicht unsere ganze Vergangenheit, unsere ganze Gegenwart ein einziges Opfer? Einfachheit,