Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-05-15 · Heft 2 (15.5.1913) · p. Seite 115

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 2 (15.5.1913)
Article
Capriccio
Date
1913-05-15
Page
Seite 115 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119804-3120092--0176-3120183
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dr. A. Coralnik, Capriccio. 115 störens, des Strafens und der Rache. Wir sind wie Hiob, der Schwergeprüfte, der mit Gott rechtet und ihn zur Rede stellt. Und die Sturmantwort und der Hinweis auf den Weltenlauf und die Unergründlichkeit, das Pathos der Welt genügen uns nicht mehr. Wir blicken mit Neid und Bangen auf die anderen, auf die Herren der Erde. Sieh, wie sie stolz dahergehen, wie sie im Schweiße ihres Angesichts arbeiten und säen und das Unkraut jäten, und wie die Frucht ihrer Aecker in die Halme schießt. Wir säen nicht mehr. Es ist uns versagt Die Felder sind umzäunt und eingehegt. Andere kämpfen um die Gerechtigkeit, um den Staat Gottes. Und wenn er dereinst erreicht, errungen, erkämpft werden soll, was wird unser Anteil an ihm sein? Andere schaffen Werke und Werte, wir — wir nähen Hosenknöpfe in den Schmutzhöhlen von London und New-York, schenken Branntwein ein den Bauern der Wallachei, verkaufen das Korn der Felder Rußlands. Vermittler, allüberall Händler, wo nur etwas zu handeln oder erstehen ist. Und ist der Kauf ergiebig, dann lächeln wir zufrieden. Phönizien war ein Händlerland, und es verging. Es verschwand vom Erdboden, weil es nur vermittelte, nichts schuf. War das das herrliche Los, das du uns versprachst, Sohn Arnos, das Los des fruchtlosen Kanaan? Antworte, steh' Rede, Jesaias, sprich! Was spricht der Wächter unserer endlosen Nacht? . . . „Leise beugten sich die Baume voll Mitleid mit mir." Und ich hörte im rauschenden Haine ein stilles, langgezogenes „Hoj", den Grundton meines Volkes. „Hoj" war die Antwort des Propheten. Das ganze jüdische Weh, das durch Jahrtausende aufgestapelte stumme Leid klingt in dem Seufzer des Juden, dem kein anderer Wehruf gleicht Seit Jesaias, der seine Weissagungen mit diesem wehmütigen Ruf begann, bis auf unsere Tage ist es das Leitmotiv unserer Seele. Und „Hoj" klang es wieder — diesmal wild und ungestüm wie ein Trotzklang, wie ein mächtiges Sichaufraffen des Gebeugten und dennoch Unbeugsamen. War das die Antwort? Hat Jesaias sein letztes Wort gesagt? Vielleicht ist dieses noch nicht erstorbene „Hoj" unser Ewigkeitsmotiv, unser Lebensanker! Da wir noch seufzen können, da noch unser jüdischer Wehruf in die Welt hinausklingt: Vielleicht steigert sich der Klang und wird zum Sturm und zum Marsch- und Kampfruf .... Ich blicke auf. Der Tag ging zur Neige. Die Sonne war ein roter Feuerball, der sich hinter die Berge senkte. Rom war in Gold und Purpur gehüllt. Die Qlorie des Untergangs! Doch — die Sonne geht noch einmal auf, und dann . . Wer weiß? ....

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.