Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Capriccio
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 112 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Dr. A. Coralnik, Capriccio. trachtete dem Seher nach dem Leben. Er hieß seine Häscher, den Propheten zu ergreifen und zu töten. Jesaias floh vor den Häschern, und als er sah, daß er ihnen nicht entrinnen könne, da klammerte er sich an eine Tanne. Und der Baum erbarmte sich des Propheten und nahm ihn in sich auf. Manasse ließ den Baum zersägen. Rotes Blut floß aus dem Baume — aber Jesaias starb nicht. Wohl kann man einen Baum fällen, aber die Wurzel bleibt. Und rodet man die Wurzel aus, so sprießt bald ein neuer Baum an der Stelle des alten hervor. Denn das Leben ist mächtiger als der Tod. Von einem Baum zum anderen fliegt befruchtender Samen. Und in allem und jedem ist ein Teil von allem . . . Warum sollte auch nicht in diesem Baum der Samen — Jesaia, die Seele Jeschajahus ben Arnos' sein? „Jeschajah, Jeschajah, ich rufe dich! Bist du da? Hörst du meine Stimme, die Stimme eines fernen, in weiter Fremde verlorenen Nachkommens derer, denen du dientest, denen dein Zauberwort galt, die du getröstet und ermutigt hast, denen dein Lied erklang? Hier bin ich, ein Wurm Jakobs. Du sagtest einst: „Fürchte nicht, Würmchen Jakob!" Nun sind wir — Würmchen und winden uns vor Schmerz und Zweifel und Verzweiflung. Und niemand tröstet uns. Du hast über uns den Skarabäus vom Nil und die stechende Biene von Assur heraufbeschworen. Und sie kamen und stechen und plagen uns und machen uns das Leben schwer. Würmchen sind wir. Alle sagen es. Alle werfen es uns vor, mit Haß und Hohn. Wir hätten uns an den Völkern wie Würmer festgesetzt, nagten an ihnen, beuteten sie aus und mästeten uns an ihrem Leibe. Wir hören es tagaus, tagein zu jeder Stunde. Sie tun alles, um uns loszuweiden. Sie treten uns, wo sie nur können, sie stampfen uns in den Staub. Und wir wissen nicht mehr, wo Recht aufhört und Unrecht beginnt. Und wir selbst zweifeln und nagen an uns. Würmer — und rings umher stolze, selbstbewußte, geradeausschreitende und zielstrebige Menschen. Alles Weh der Welt hast du uns geweissagt, o Seher, und deine Weissagungen sind in Erfüllung gegangen. Wo sind deine Verheißungen? Wo dein Trost? Uns, uns allein, den Söhnen und Töchtern des armen, kleinen Stammes dort am Jordan, in den Bergen Judäas, die wir unsere Träume, deine Träume, in alle Winkel der Erde hinaustrugen, uns allein galt dein Fluch. Warum nur uns? Warum müssen wir allein die tragische Rolle aller Zeiten spielen? „Alle Geschichte wurde zweimal gelebt, einmal im Judentum, das zweite Mal im Christentum, sagt Gott." Also spricht ein Mystiker und Gläubiger von heute. Prophet, sagt Gott so? Gibt es Ziel und Sinn und Vergeltung in unserem Leben? Du hast uns ein Siegerlied,